Papst Franziskus wird 80 Jahre alt : Keine Zeit zu feiern

Papst Franziskus wird 80 Jahre alt. Bei vielen Menschen ist er enorm beliebt, doch in der Kirche formiert sich Widerstand. Was steht ihm bevor? Die wichtigsten Fragen und Antworten.

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Foto: Imago/ZUMA Press
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Am heutigen Samstag wird Papst Franziskus 80 Jahre alt. Vielleicht wird er zur Feier des Tages eine Stunde länger schlafen, die Frühmesse, zu der er die Kardinäle einlädt, die gerade in Rom sind, beginnt erst um acht Uhr und nicht wie sonst um sieben. Ansonsten wird es für ihn ein normaler Arbeitstag. Geburtstagfeiern ist nicht so seine Sache. Und doch ist der 80. Geburtstag ein markantes Datum. Franziskus ist seit März 2013 im Amt und ungemein beliebt. Er verhilft der katholischen Kirche zu neuer Glaubwürdigkeit. Doch je älter er wird, umso drängender stellt sich die Frage: Wie steht es um die Veränderungen, die er in seiner Kirche angestoßen hat? Zeit für eine Bilanz.

Was prägt Franziskus und sein Pontifikat?

Franziskus’ Herz schlägt für Flüchtlinge. Denn auch er selbst hat „Migrationshintergrund“. 1922 verließen seine Großeltern Italien, um in Argentinien ein besseres Leben zu suchen. Das Schiff, mit dem sie eigentlich übersetzen wollten, erlitt Schiffbruch und hunderte Passagiere ertranken. Glücklicherweise hatte sich die Auswanderung der Bergoglios verzögert, sie kamen heil an. Sohn Jorge Mario wurde 1936 in Buenos Aires geboren, wo er 62 Jahre später zum Erzbischof geweiht wurde. Täglich erlebte er den krassen Gegensatz zwischen Reich und Arm und schlug sich auf die Seite der Bedürftigen. Seine Kritik am Kapitalismus gipfelte 2013 in der Aussage: „Diese Wirtschaft tötet.“ An Jorge Mario Bergoglio ist auch der argentinische Machismo nicht spurlos vorbeigegangen. Ab und zu bricht er sich Bahn in derben Sprüchen, etwa in seinem Rat, die Katholiken müssten sich nicht „wie die Karnickel“ vermehren.

Wodurch wirkt Papst Franziskus?

Während die Schriften seines Vorgängers Regalmeter füllen, wirkt dieser Papst vor allem durch seine Gesten und Handlungen, etwa wenn er Gründonnerstag Frauen und Muslimen die Füße wäscht. Er wünscht sich eine „arme Kirche für die Armen“, geißelt den „theologischen Narzissmus“ seiner Kirche, die zu sehr um sich selbst kreise, und versucht vorzuleben, was er predigt. So verzichtet er weitgehend auf den höfischen Pomp, der den Vatikan prägt, wohnt nach wie vor im Gästehaus und besucht auf Reisen Gefängnisse und soziale Brennpunkte.

Wie verändert Franziskus die Kirche?

Er hat mit Korruption und Geldwäsche in der Vatikanbank aufgeräumt und will eine Kurienreform angehen. Auch versucht er, synodale Elemente in das hierarchische System des Vatikans einzuführen, etwa indem er den nationalen Bischofskonferenzen mehr Freiheiten zugesteht. Die Glaubenslehre hat Franziskus bisher nicht angetastet. Er forderte seine Priester aber auf, mehr als bisher die konkrete Situation der Menschen bei der Auslegung der traditionellen Lehre zu berücksichtigen und eine grundsätzliche Haltung der Barmherzigkeit walten zu lasen. Sein erklärtes Ziel ist es, „produktive Unruhe“ zu stiften und Debatten anstoßen. Künftig dürfen die Priester zum Beispiel Frauen von der „schweren Sünde einer Abtreibung“ lossprechen – doch gleichzeitig bleibt eine Abtreibung nach katholischer Lehre eine Sünde. Auch was das Verbot von Verhütungsmitteln angeht, hat Franziskus die Lehre nicht umgeschrieben. Doch um die Ausbreitung von Aids zu vermeiden, dürfen Katholiken nun Kondome benutzen. Auch was den kirchlichen Umgang mit Homosexualität angeht, sprach sich Franziskus für mehr Barmherzigkeit aus. In seinem Lehrschreiben „Amoris Laetitia“ (Freude der Liebe) vom April 2016 beließ er es aber bei der traditionell unerbittlichen Haltung gegenüber schwulen und lesbischen Paaren.

Wie kommen seine Reformansätze an?

Viele Gläubige und Menschen, die der Kirche fernstehen, haben große Sympathie für seinen Kurs. Doch viele Bischöfe, die die Impulse aufnehmen und etwas daraus machen könnten, sind verunsichert – und nicht alle auf „produktive“ Art, wie es sich Franziskus wünscht. Die Reaktionären bezichtigten Franziskus mittlerweile offen als Häretiker. Mitte November veröffentlichten vier Kardinäle, darunter der frühere Kölner Erzbischof Joachim Meisner, einen Brief, in dem von einer „großen Verwirrung“ die Rede ist, die Franziskus mit seinem Lehrschreiben „Amoris Laetitia“ gestiftet habe. Sie verlangen Klarheit darüber, ob wiederverheiratete Geschiedene künftig zum Abendmahl zugelassen werden dürfen. Nach der katholischen Lehre sind sie von den Sakramenten ausgeschlossen, „Amoris Laetitia“ deutet aber an, dass es in „gewissen Fällen“ doch möglich wäre. Die Kardinäle wollen wissen, ob es für Franziskus noch „absolute moralische Normen“ gibt oder ob alles eine Frage der Gewissensfreiheit sein soll. Zwischen den Zeilen wird deutlich, dass das, was sie als Zweifel und Fragen formulieren, ihre schlimmsten Befürchtungen sind: Dieser Papst stellt alles zur Disposition und gefährdet die „Disziplin in der Kirche“. Der amerikanische Kardinal Raymond Burke (siehe Kasten) drohte sogar, Kardinäle und Bischöfe müssten die „schweren Fehler“ des aktuellen Papstes korrigieren, sollte dieser sie nicht widerrufen. Der Vorgang ist in der jüngeren Kirchengeschichte ohne Beispiel. Fast täglich melden sich nun Gegner und Verteidiger des Papstes zu Wort, Franziskus selbst schweigt zur Sache.

Wird sich Franziskus durchsetzen?

Seine Strategie, vieles in der Schwebe zu halten in der Hoffnung auf fruchtbare Debatten, in deren Verlauf man sich schon einigen werde, scheint nicht aufzugehen. Dafür hängt in der katholischen Kirche zu viel vom Machtwort des Papstes ab – ob Franziskus das lieb ist oder nicht. Die synodal-demokratischen Elemente, die er eingeführt hat, sind noch zu schwach. Reformfreudige Bischöfe wünschen sich mittlerweile, Franziskus würde seine Kritiker mal klar und deutlich in die Schranken weisen.

Wie viel Zeit bleibt ihm noch?

„Ich glaube, dass man genügend Zeit braucht, um die Grundlagen für eine echte, wirksame Veränderung zu legen“, sagte Franziskus zu Beginn seines Pontifikats. Nicht nur der frühere Mainzer Erzbischof, Kardinal Karl Lehmann, sorgt sich, dass Franziskus die Zeit davonläuft und „der richtige Zeitpunkt für Reformen verpasst“ wird. Doch alleine auf ein Durchgreifen von Franziskus zu warten, ist auch nicht die Lösung. „Manchmal muss man nicht erst darauf warten, bis sich der ganz große Tanker der gesamten Kirche bewegt“, sagte Lehmann neulich in der Universität Freiburg, und forderte seine Kollegen auf, „neue Wege zu erkunden“. Franziskus hat die nationalen Bischofskonferenzen dezidiert aufgefordert, „in jedem Land oder jeder Region inkulturierte Lösungen zu suchen, welche die örtlichen Traditionen und Herausforderungen berücksichtigen“. Ob sich der von Franziskus angestoßene Wandel nachhaltig durchsetzt, hängt auch davon ab, wie schnell die reformbereiten Bischöfe den Mut finden und die neue Freiheit nutzen. Auch die Deutsche Bischofskonferenz ist da bislang nicht gerade vorgeprescht. Die Sehnsucht nach Harmonie ist (noch) größer als die Bereitschaft, echte Debatten auszutragen. Die Traditionalisten in der Kirche jedenfalls scheuen sich nicht, um die Hoheit der Debatte zu kämpfen – mit allen Mitteln.

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