Papst in der Kritik : Hochhuth: "Der Vatikan war immer judenfeindlich!"

Rolf Hochhuth ist "sehr beschämt, dass es ausgerechnet ein deutscher Papst ist, der den radikalsten Holocaust-Leugner der westlichen Welt in Schutz nimmt". Uns Deutschen empfiehlt der Berliner Dramatiker, am besten den Mund zu halten.

Interview von Ulrike Pape
Hochhuth
Kirchen-Kritiker. Rolf Hochhuth erregte mit seinem christlichen Trauerspiel "Der Stellvertreter" bereits 1963 die Gemüter. -Foto: Ulrike Pape

Der Vatikan steht weiterhin im Kreuzfeuer, weil er vier ultrakonservative Bischöfe rehabilitiert hat, darunter den britischen Holocaust-Leugner Richard Williamson

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Überrascht Sie die derzeitige Diskussion?


Die Geschichte überrascht mich total und ich bin sehr beschämt, dass es ausgerechnet ein deutscher Papst ist, der den radikalsten Holocaust-Leugner der westlichen Welt in Schutz nimmt.

Im Vatikan ist man sich sicher, dass Benedikt XVI. für die Rehabilitierung nicht verantwortlich ist.
Das habe ich gelesen. Das ist natürlich eine Albernheit sondergleichen. Der Papst ist es gewesen, der den Engländer rehabilitiert hat. Und wenn der Engländer tatsächlich gesagt hat, dass keine sechs Millionen Juden von uns ermordet worden sind und auch keiner in einer Gaskammer, dann muss der Papst, vor allem weil er ein Deutscher ist, diese Rehabilitierung zurücknehmen.

Was meinen Sie, wie konnte es überhaupt dazu kommen?
Dafür gibt es gar keine Entschuldigung und ich habe auch keine Erklärung dafür. Der Vatikan war immer judenfeindlich! So hat Papst Pius XII. zur Zeit des Holocausts kein einziges Mal öffentlich ein Wort zur Ausrottung der Juden gesagt. Nur vor Kardinalkollegen, also im kleinsten Kreis, hat Pius die Juden erwähnt, als "das Volk der Gottesmörder".

Woher wissen Sie das? Kirchenhistoriker bezweifeln Ihren Vorwurf, Pius XII., Papst von 1939 bis 1958,  habe zum Holocaust geschwiegen.
Meine Quellen sind Bücher, etwa "Das Dritte Reich und seine Diener". Pius’ Schweigen zum Holocaust haben im Übrigen drei Zeugen hinterher bestätigt: Ernst Freiherr von Weizsäcker, unter Hitler Botschafter beim Heiligen Stuhl, außerdem Kardinal Montini, damals engster Mitarbeiter von Pius XII. Mein dritter Zeuge ist Papst Johannes XXIII., der im Vatikan regiert hat, als 1963 mein „Stellvertreter“ erschienen ist und auch in Rom aufgeführt wurde.

Amen Plakat
Kruzifix und Hakenkreuz. 2002 wurde Hochhuths "Stellvertreter" von Constantin Costa-Gavras verfilmt. -Foto: dpa


In Ihrem aktuellen Gedichtband "Vorbeugehaft" kritisieren Sie Papst Benedikt, der seit 2005 im Amt ist. Sehen Sie Parallelen zwischen Benedikt und Pius?


Pius XII. hat nicht dezidiert und öffentlich Antisemiten in Schutz genommen. Er hat aber die Antisemiten nicht daran gehindert, die Juden zu ermorden. Ich werfe ihm darüber hinaus vor, dass er sogar gegen die Ermordung von 3000 Priestern nicht ein einziges Mal bei Hitler protestiert hat.

Denken Sie, Benedikt ist nicht der richtige Papst?
Dazu steht mir kein Urteil zu, zumal ich kein Katholik bin.

Handelt Benedikt unüberlegt?
Es ist doch ganz klar, dass die Vokabel "unüberlegt“ hier noch eine sehr große Verharmlosung ist. Ich glaube auch nicht, dass ein Papst, noch dazu mit deutschem Hintergrund, gerade in dieser Frage "unüberlegt“ gehandelt haben soll.

Der israelische Religionsminister Jitzhak Cohen hat im "Spiegel" empfohlen, die diplomatischen Verbindungen zum Vatikan abzubrechen.

Das finde ich richtig, dass die Juden das tun. Dabei sollen sie auch bleiben, bis Benedikt seinen Schritt zurücknimmt.

Und was sollte Deutschland tun?
Deutschland hat das getan, was es tun kann: in jeder Zeitung mit Empörung reagiert.

Und von politischer Seite?
Das weiß ich nicht. Die Deutschen sitzen dermaßen im Glashaus, was dieses Thema betrifft, dass wir am besten den Mund halten.

Rolf Hochhuth wurde am 1. 4. 1931 in Eschwege als Sohn eines Schuhfabrikanten geboren. Er hat drei Söhne, ist verwitwet und lebt in Berlin. Mit 16 Jahren verließ er das Gymnasium, um Schriftsteller zu werden. Vormittags schrieb er, nachmittags arbeitete er in verschiedenen Buchhandlungen, später als Lektor im Bertelsmann-Lesering. Sein erstes Werk "Der Stellvertreter" wurde 1963 in West-Berlin uraufgeführt. Das Stück mit dem Untertitel "Ein christliches Trauerspiel" wurde zum heftig diskutierten Welterfolg. Seitdem ist er freier Autor. Zu seinen Auszeichnungen gehören u. a. der Lessing-Preis (1981) und der Jacob-Grimm-Preis (2001).

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