Politik : Papst: Nur wir sind Kirche

Protestanten fühlen sich von vatikanischem Dokument brüskiert / Huber: Vertane Chance für die Ökumene

Martin Gehlen

Berlin - Der Vatikan hat in einem neues Dokument über das katholische Kirchenverständnis den Protestanten erneut die volle Anerkennung als Kirche verweigert. Die „Gemeinschaften, die aus der Reformation des 16. Jahrhunderts hervorgegangen sind, können nach katholischer Lehre nicht ,Kirchen‘ im eigentlichen Sinn genannt werden“, heißt es in dem am Dienstag veröffentlichten Schreiben der Glaubenkongregation. Grund sei die fehlende „apostolische Sukzession im Weihesakrament“. Ohne sakramentales Priestertum gebe es jedoch keine „vollständige Wirklichkeit des eucharistischen Mysteriums“. Anders bewertet wird dagegen der Status der orthodoxen Kirchen. Da sie im Unterschied zu den Protestanten „trotz ihrer Trennung wahre Sakramente besitzen“, seien sie als Kirchen anzuerkennen. Das römische Schreiben behandelt in fünf Antworten „Fragen zu einigen Aspekten bezüglich der Lehre über die Kirche“. Der Text sei auf Grund von „irrigen Interpretationen“ des Zweiten Vatikanischen Konzils der sechziger Jahre nötig geworden, heißt es zur Erläuterung. Papst Benedikt XVI. habe die vom Präfekten der Kongregation, Kardinal William Levada, unterzeichneten Antworten „gutgeheißen, bestätigt und deren Veröffentlichung angeordnet“.

Damit bekräftigt die Glaubenskongregation unverändert die Aussagen des im Jahr 2000 unter der Federführung des damaligen Kardinals Joseph Ratzinger veröffentlichten Dokuments „Dominus Iesus“, welches nicht nur in den protestantischen Kirchen Unverständnis und Enttäuschung verursacht hatte, sondern teilweise auch vatikanintern auf scharfe Kritik gestoßen war. Die ökumenischen Beziehungen gelten seither als belastet.

Entsprechend scharf fiel auch diesmal die Reaktion der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) aus. Der EKD-Ratsvorsitzende, Bischof Wolfgang Huber, nannte den Text eine Brüskierung der Ökumene und eine „vertane Chance“. Nach wie vor würden evangelische Kirchen abgewertet. Die Hoffnung auf einen positiven Wandel der Ökumene sei „erneut in die Ferne gerückt“. Huber kritisierte vor allem, dass das neue Dokument insbesondere den Kirchen der Reformation die Anerkennung als „Kirchen im eigentlichen Sinn“ erneut verweigere. Damit erweise es sich als „unveränderte Neuauflage der anstößigen Aussagen“ der umstrittenen Vatikanerklärung „Dominus Iesus“. In vollem Bewusstsein der innerkatholischen wie der ökumenischen Diskussion seit dem Jahr 2000 würden die damaligen Aussagen wiederholt. Huber erklärte, man könne hier nicht mehr von Fahrlässigkeit sprechen: „Es handelt sich um Vorsatz.“

Der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Kardinal Karl Lehmann, versuchte dagegen, die Wogen etwas zu glätten. Er räumte ein, „die erneute katholische Stellungnahme der Glaubenskongregation mag besonders in ihrer Knappheit und Dichte hart erscheinen“. Aber sie lasse grundlegend Raum, die anderen Kirchen nicht nur moralisch, sondern auch theologisch als Kirchen zu achten. Der eigene Anspruch dürfe nicht zu irgendeiner Überheblichkeit führen, „denn durch die Spaltungen ist auch die Fülle der katholischen Kirche eingeschränkt“.

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