Politik : Papst-Parodie: Teures Vergnügen

Jan Stanczyk

In den Umfragen liegt Polens Präsident Aleksander Kwasniewski zehn Tage vor der Wahl fast uneinholbar vor seinem Herausforderer Marian Krzaklewski. Aber in der Hauptstadt Warschau gilt das Staatsoberhaupt neuerdings als "persona non grata". Und nicht nur dort. Der Anlass ist ein Video aus dem Jahr 1997, das kurz vor der Präsidentenwahl am 8. Oktober aufgetaucht ist: Beim Verlassen des Hubschraubers fordert Kwasniewski seinen damaligen Chef für nationale Sicherheit, Marek Siwiec, auf, wie der Papst den Boden zu küssen. Die Szene ist nun in einem Fernsehwerbespot des Herausforderers zu sehen. Die Stadträte von Warschau, Krakau und Wadowice, dem Geburtsort des Papstes, die alle konservativ regiert werden, erklärten Kwasniewski, einen Ex-Kommunisten, am Mittwochabend zur unerwünschten Person.

Papst Johannes Paul II ist in Polen schon zu Lebzeiten zum Denkmal geworden, in der Katholischen Universität in Lublin steht er in Stein gemeißelt, und in allen größeren Städten sind Straßen und Plätze nach ihm benannt. Jeder Politiker achtet darauf, vor dem Wahlkampf in den Vatikan zu reisen, auch wenn er mit den Bischöfen zu Hause noch so über Kreuz liegt. Polens Präsident macht da keine Ausnahme. Im vergangenen Jahr wurde er gar vom Papst in das Papamobile eingeladen. Seitdem müssen sogar die erzkatholischsten Politiker eingestehen, dass der Papst wohl nichts gegen Kwasniewskis Wiederwahl einzuwenden hätte.

Doch im Wahlkampf gehen die Uhren anders. Kwasniewskis Herausforderer, der Chef der Solidarnosc, Marian Krzaklewski, hat nun schweres Geschütz gegen seinen Rivalen aufgefahren. Zur besten Sendezeit können nun Millionen Fernsehzuschauer beobachten, wie ihr Präsident nach einer Hubschrauberlandung im westpolnischen Kalisz seinem Minister Marek Siwiec befiehlt, die Erde zu küssen, was dieser prompt tut, nicht ohne zuvor die Anwesenden zu segnen, wie es der Papst zu tun pflegt. Für polnische Verhältnisse haben Kwasniewski und Siwiec ein unverzeihliches Sakrileg begangen und den letzten noch verbliebenen nationalen Mythos Polens durch den Kakao gezogen. Das hat Siwiec, der selbst Atheist ist, auch sofort begriffen und ist zurückgetreten, um das Verhältnis seines Chefs zu Kirche und Vatikan nicht zu belasten. Doch der hatte seinem Minister die umstrittene Geste ja geradezu befohlen. Der Lubliner Erzbischof hat deshalb bereits den Rücktritt des Präsidenten gefordert, was dieser mit den Worten kommentierte: "Von Bischöfen hätte ich mehr Barmherzigkeit erwartet."

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben