Politik : Papst-Reise: Heimvorteil

Ludwig Ring-Eifel

Mit der Gegend um Lwiw im Westen der Ukraine verbindet Papst Johannes Paul II. viel. Seine früh verstorbene Mutter stammte aus dieser Region, die viele Jahrhunderte zu Polen gehörte. Einen Teil seines Militärdienstes vor dem Überfall der Deutschen auf Polen hat er hier absolviert, und Erzbischof Bazniak, der den Priester Karol Wojtyla 1958 in Krakau zum damals jüngsten Bischof Polens weihte, wurde von den Sowjets aus dieser Gegend vertrieben. Unter diesen Umständen wunderte es niemanden, dass der Papst aus Polen am vierten Tag seiner Ukraine-Reise bei seinem ersten Gottesdienst in der westukrainischen Katholiken-Hochburg Lwiw eine Predigt nicht in der Landessprache, sondern weitgehend in seiner polnischen Muttersprache hielt.

Seine Zuhörer, die zu Hunderttausenden auf das Gelände einer stillgelegten Pferderennbahn außerhalb von Lwiw gekommen waren, verstanden ihn ohnehin: Die Hälfte von ihnen war aus Polen angereist. Hunderte von modernen, den neuen Wohlstand des vergleichsweise wohlhabenden Nachbarvolks demonstrierende Reisebusse und zahllose polnische Fahnen verrieten es. Zudem stammen die meisten Katholiken des lateinischen Ritus in der Westukraine, die erst 1946 unter Moskauer Herrschaft kam, aus polnischen Familien.

Beim Bad in der Menge, das der Pontifex zu Beginn der Messe ausführlich genoss, wechselten die Gesänge und Sprechchöre fließend vom Ukrainischen ins Polnische. Es war der Papst selbst, der daran erinnerte, dass es nicht immer so freundlich zuging zwischen Polen und Ukrainern. Er rief die Menschen auf anzuerkennen, dass "nicht wenige Christen polnischer wie ukrainischer Abstammung in dieser Gegend" einander Dinge angetan hätten, die nicht dem Geist des Evangeliums entsprachen. "Es ist an der Zeit, von dieser schmerzlichen Vergangenheit Abstand zu nehmen", rief der Papst den Christen beider Nationen zu. An der Nahtstelle zwischen dem erweiterten Wirtschaftsraum der wohlhabenden EU und der noch immer wirtschaftlich am Boden liegenden GUS rief er Polen und Ukrainer auf, gemeinsam "eine Zukunft des gegenseitigen Respekts, der brüderlichen Zusammenarbeit und der echten Solidarität aufzubauen".

Um den kulturellen und wirtschaftlichen Graben, der Ukrainer und Polen noch immer trennt, symbolisch zu überbrücken, erinnerte der Papst nicht an seine blutsmäßige Abstammung aus der Westukraine, sondern an seine geistliche. Er knüpfte an die Person des an diesem Tag zu Beginn des Gottesdienstes selig gesprochenen Jozef Bilczewski (1880-1923) an, der einst lateinischer Bischof im polnischen Lwiw war. Wojtyla stellte fest, dass er selbst gewissermaßen der geistliche Enkel des neuen Seligen sei.

Neben den geistlichen Brückenschlägen des Papstes bejubelten die Menschen in Lwiw vor allem seine Person. Viele Ukrainer sehen in ihm bis heute den Helden der Befreiung von der Sowjetherrschaft für Polen und die anderen Länder Osteuropas. Mit dem Jubel für ihn verbindet sich für sie auch die Hoffnung, eines nicht allzu fernen Tages einmal ebenso unabhängig von Moskau und nah an Europa zu sein wie die Polen schon heute.

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