Papst-Schreiben zu Ehe und Familie : Wie katholisch ist die Liebe?

Der Papst gibt in einem Schreiben die Richtung im Umgang mit Familie, Ehe und Sexualität vor. Welche Bedeutung hat das für die katholische Kirche - und das Leben von Katholiken?

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Richtlinienkompetenz. Papst Franzikus wünscht sich mehr Liebe und Barmherzigkeit.
Richtlinienkompetenz. Papst Franzikus wünscht sich mehr Liebe und Barmherzigkeit.Foto: Tony Gentile/Reuters

Zweieinhalb Jahre hat die katholische Kirche über das Thema Ehe und Familie diskutiert. 2014 und 2015 fanden Synodentagungen in Rom statt, auf denen sich Bischöfe aus aller Welt ausgetauscht haben. Jetzt hat Papst Franziskus seine Schlussfolgerungen daraus gezogen. „Amoris Laetitia“ (Die Freude der Liebe) heißt sein Schreiben, das am Freitag in Rom vorgestellt wurde. Darin wendet er sich nicht nur an die Bischöfe, Priester und Gläubigen seiner Kirche. Der Papst möchte allen Familien und allen Liebenden auf der Welt Orientierung bieten und zu „größerer Klarheit“ verhelfen.

Was steht in dem Papier?

Das katholische Ideal der Liebe konkretisiert sich im Sakrament der Ehe zwischen Mann und Frau. In ihr entfalte sich der Plan Gottes, schreibt Franziskus und beschwört das Familien-Ideal auf 200 Seiten teils hymnisch, teils nüchtern-dogmatisch und in weiten Teilen wie ein Familientherapeut. Er möchte anregen, „die Gaben der Ehe und der Familie zu würdigen und eine starke und uneingeschränkte Liebe zu Werten wie Großherzigkeit, Verbindlichkeit, Treue oder Geduld zu pflegen“. Dort, wo sich das Familienleben „nicht vollkommen verwirklicht oder sich nicht in Frieden und Freude entfaltet“, möchte er zu Barmherzigkeit ermutigen und dazu, nicht aufzugeben. Scheidung ist für ihn nur das „äußerste Mittel“.

Wie argumentiert Franziskus?

Er steht voll und ganz in der Tradition der katholischen Naturrechtslehre, wonach die Ehe zwischen Mann und Frau in der Natur des Menschen verwurzelt ist. Die Ehe sei auf die Fortpflanzung ausgerichtet und erfülle auch eine enorm wichtige gesellschaftliche Funktion. Alle anderen Beziehungsformen sind in den Augen des Papstes defizitär. Etwa, wenn Menschen ohne Trauschein zusammenleben oder schwule und lesbische Paare.

Warum scheitern so viele Paare am katholischen Ideal?

Franziskus macht dafür den „ausufernden Individualismus“ und eine „Kultur des Provisorischen“ verantwortlich sowie Bequemlichkeit und eine „Haltung ständigen Argwohns“. „Die Spannungen, die von einer überzogenen individualistischen Kultur des Besitzes und des Genusses in die Familien hineingetragen werden, bringen in ihnen Dynamiken der Abneigung und Aggressivität hervor“, schreibt er. Auch die Schwierigkeit, Beruf und Privates zu vereinbaren, schwäche das Familienleben.

Was rät er Eheleuten?

Die Ehe mit allzu großen Illusionen zu überfrachten, sei nicht hilfreich, schreibt Franziskus. Das hindere die Liebenden, an sich und an der Beziehung zu arbeiten. Die Ehe sei ein Prozess des Wachsens, den beide vorantreiben sollen. Der Papst hat auch ganz konkrete Tipps: Morgens ein Kuss halte die Liebe frisch. Immer „bitte“ und „danke“ zu sagen, helfe dem gegenseitigen Respekt auf. Auch Erziehungs-Ratschläge hat er parat: Eltern sollen Kindern klare Regeln setzen, aber auch Freiheiten lassen. Und bitte nicht zu viel Handy-Konsum. Denn der führe zu „Technik-Autismus“.

Ändert Franziskus die katholische Lehre?

Der zweijährige Beratungsprozess hat hohe Erwartungen bei Katholiken geweckt, der Papst werde die katholische Sexualmoral grundsätzlich reformieren. Das hat er nicht getan. Man durfte von der Synode „keine neue, auf alle Fälle anzuwendende generelle gesetzliche Regelung kanonischer Art erwarten“, schreibt er. Den römischen Reformverweigerern versichert er, dass sich die Einheit der Lehre nicht ändere – und ermutigt Bischöfe und Priester zugleich, „zu einer verantwortungsvollen, persönlichen und pastoralen Unterscheidung der spezifischen Fälle“ zu kommen. Das heißt: In Einzelfällen und nach tiefgehender Prüfung ist es möglich, von der kirchlichen Norm abzuweichen. Franziskus fordert die Bischöfe dezidiert auf, „in jedem Land oder jeder Region inkulturierte Lösungen“ zu suchen, „welche die örtlichen Traditionen und Herausforderungen berücksichtigen“. Sie dürften keine „kalte Schreibtischmoral“ predigen und moralische Gesetze nicht so anwenden „als seien es Felsblöcke, die man auf das Leben von Menschen wirft“. Leitfaden müsse die Barmherzigkeit sein.

Was schreibt er zu den Geschiedenen, die wieder geheiratet haben?

Nach der katholischen Lehre sind die Wiederverheirateten von den Sakramenten ausgeschlossen. Das heißt, sie dürfen auch nicht an der Eucharistie teilnehmen. Grundsätzlich bleibt es dabei. Doch auch hier wendet Franziskus seine typische Strategie an: Er lässt vieles im Vagen und hält so Türen offen – so wie es sich die Reformer gewünscht hatten. Die Wiederverheirateten müssten „stärker in die Gemeinschaft integriert werden“. Man müsse darüber nachdenken, „welche Formen des Ausschlusses überwunden werden können.“ In Einzelfällen, so könnte man schlussfolgern, ist auch der Kommunionempfang möglich.

Wie werden homosexuelle Beziehungen bewertet?

So werbend und ermutigend Franziskus mit heterosexuellen Liebenden umgeht, so unerbittlich ist seine Haltung gegenüber schwulen und lesbischen Paaren. Sie tauchen auf den 200 Seiten gerade mal in zwei Absätzen auf und nur als Objekte: „Mit den Synodenvätern habe ich die Situationen von Familien bedacht, welche die Erfahrung machen, dass in ihrer Mitte Menschen mit homosexueller Orientierung leben – eine Erfahrung, die nicht leicht ist.“ Homosexuelle sollten mit Respekt behandelt werden und „notwendige Hilfen bekommen, um den Willen Gottes zu begreifen“, sprich: enthaltsam zu leben. Während Franziskus noch vor zwei Jahren sinngemäß sagte: Wer bin ich, um über Homosexuelle zu urteilen?, steht für ihn nun fest: „Es gibt keinerlei Fundament dafür, zwischen den homosexuellen Lebensgemeinschaften und dem Plan Gottes über Ehe und Familie Analogien herzustellen, auch nicht in einem weiteren Sinn“. „Unannehmbar“ findet der Papst, „dass auf Ortskirchen in dieser Frage Druck ausgeübt wird“ und dass internationale Organisationen gar Finanzhilfen für arme Länder davon abhängig machen würden.

Welche Reaktionen gibt es?

Das Zentralkomitee der deutschen Katholiken (ZdK) sieht in dem Schreiben eine Chance auf Annäherung zwischen Gläubigen und Kirche. „Das Wichtigste an dem Papier ist, dass die offensichtliche Diskrepanz zwischen dem Handeln der Gläubigen in Fragen der Ehe, Partnerschaft und Sexualität und der kirchlichen Lehrverkündigung durch diesen Text abgemildert und verändert wird“, sagte ZdK-Präsident Thomas Sternberg. Franziskus gebe der Gewissensentscheidung der Gläubigen und der Seelsorger neues Gewicht.“

Die deutschen Bischöfe haben wiederverheirateten Geschiedenen ein Entgegenkommen bei der Zulassung zur Kommunion als Konsequenz aus dem Schreiben in Aussicht gestellt. Der Papst-Text habe „weitreichende Konsequenzen“ für den Umgang von Priestern mit diesen Menschen, erklärten der Vorsitzende der Bischofskonferenz, Kardinal Reinhard Marx sowie die Bischöfe Heiner Koch und Franz-Josef Bode. Der Lesben- und Schwulenverband sprach von einer „großen Enttäuschung“, weil die „Freude der Liebe“ für Lesben und Schwule offenbar nicht gelte.

Welche Haltung vertritt die evangelische Kirche zu Ehe und Familie?

2013 veröffentlichte die evangelische Kirche in Deutschland eine umstrittene „Orientierungshilfe“ und plädierte dafür, nicht mehr allein die Ehe als Idealbild anzuerkennen, sondern auch all jene Beziehungen, in denen sich Menschen generationenübergreifend verlässlich und verantwortungsvoll aneinander binden und füreinander sorgen. Dazu gehört das lesbische Paar mit Kind genauso wie das kinderlose heterosexuelle Paar, das sich um die kranke Mutter kümmert. Das Schreiben löste große Empörung auch innerhalb der Kirche aus. Kritiker warfen ihr vor, sich dem Zeitgeist an den Hals zu werfen.

Mittlerweile haben sich die Kirche von Hessen-Nassau und die rheinische Landeskirche entschieden, auch homosexuelle Paare zu trauen. Die Landeskirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz will sich an diesem Samstag anschließen. In elf weiteren Landeskirchen können sich schwule und lesbische Paare vom Pfarrer segnen lassen, in sechs Landeskirchen, darunter in Sachsen und in Württemberg, wo viele streng gläubige Pietisten leben, sowie in evangelikalen Gemeinden sind Segnungen für Homosexuelle ausgeschlossen.

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