Papstbesuch in den USA : Franziskus an Obamas Seite

Im US-Kongress erinnert Papst Franziskus die reichste Nation der Welt an ihre Verantwortung für die Armen. Für Präsident Barack Obama kommt er wie gerufen.

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Papst Franziskus vor dem US-Kongress.
Papst Franziskus vor dem US-Kongress.Foto: Paul J. Richards/AFP

Im Saal warten sie mit der viel zitierten fast greifbaren Spannung. Man kennt dieses Bild vom blauen Boden im US-Repräsentantenhaus. Zu anderen Gelegenheiten ist das Parlament aber nicht ganz so belebt. Heute summen die Stimmen. Senatoren und andere hohe Repräsentanten der US-amerikanischen Demokratie stehen hier oder gehen zwischen den Reihen mit den hellbraunen Ledersitzen hin und her. Die Reihen sind komplett gefüllt. Auch in den Rängen für Gäste ist kein einziger Platz frei. Ein Ticket für das historische Ereignis zu bekommen, war sehr schwierig. Das erste mal in der Geschichte des Kongresses spricht ein religiöser Führer im Haus der säkularen Demokratie.

US-Außenminister John Kerry und der oberste Richter der Vereinigten Staaten, John Roberts, haben sich einander zugewandt. Sie plaudern, Kerry gestikuliert, rechts und links des Mittelganges. Ein Saaldiener trennt die beiden. Der Hammer fällt. Allein, im weißen Gewand, geht Papst Franziskus mit langsamen Schritten den kurzen Gang auf dem blauen Teppich entlang. Im Beifall vor seiner Rede löst sich ein wenig die Spannung.

Er freue sich, beginnt der Papst in seinem mühsamen Englisch, im „Land der Freiheit und der Heimat der Tapferen“ zu sprechen – ein Zitat aus der US-amerikanischen Nationalhymne: „The land oft the free and the home oft the brave“. Das stimmt die Staatsbürger im Saal glücklich. Sie erheben sich, der Beifall ist emphatisch, spontaner als zuvor bei der Begrüßung von Franziskus.

Das Nicht-Gesagte ist so wichtig wie das Gesagte dieser Rede

Sie wissen hier alle nicht so recht, was sie vom Papst zu erwarten haben. Nicht die Politiker, nicht einmal die anwesenden Bischöfe und Priester. Das macht einen guten Teil der Spannung aus. Die Demokraten wünschen sich den Rückhalt des Papstes für ein Einwanderungsgesetz, für Klimapolitik und Umverteilung. Auf der anderen Seite des politischen Grabens hoffen die Republikaner auf klare Worte des Papstes zur Abtreibung und zum Rang der traditionellen Ehe. Eine Seite wird der Papst zwangsweise enttäuschen müssen. Die Republikaner sind in den vergangenen Tagen auffällig still geblieben. Sie ahnen, welchen Themen sich der Papst zuwenden wird.

Es wird schnell klar, dass sie sich nicht getäuscht haben. Papst Franziskus beruft sich auf Abraham Lincoln, „den Hüter der Freiheit“ und auf Martin Luther King, dessen Traum „noch in unseren Herzen nachklingt“. Er freue sich, sagt der Papst, „dass Amerika weiterhin für viele ein Land der Träume ist“. Mit Standing Ovations bedankt sich der Saal für diese Verbeugungen vor Amerika. „Träume aber,“ lässt Franziskus den Satz enden, „die zum Handeln führen, zur Beteiligung, zum Engagement.“

Franziskus hält im Kongress keine Moralpredigt. Der Papst hält hier vor Regierung und Parlament eine politische Grundsatzrede. Er liest so langsam, dass man währenddessen den Blick über die Reihen schweifen lassen kann. Die Freude über seine Worte ist verteilt – ebenso der Beifall. Franziskus lobt amerikanischen Unternehmergeist, aber er kritisiert die „Gier“. Er lobt das Einwanderungsland, aber fordert eine Abkehr von der harten Haltung gegenüber Einwanderern – schließlich stammten doch „Sie alle hier irgendwie von solchen ab“.

Dem Klimawandel, offenkundig sein Hauptthema in den USA, widmet der Papst den größten Teil der Rede, ohne das Wort überhaupt zu gebrauchen. Es sei dringlich, noch könne die Menschheit, könne Amerika handeln.

Die Freude über die Rede ist geteilt - je nach politischer Herkunft der Zuhörer

Und dann greift er direkt in die US-Politik ein: Er fordert die Abschaffung der Todesstrafe in Amerika und ein Stopp des „blutigen“ Waffenhandels. Nur in einem Schlenker geht der Papst zuvor ganz kurz auf den Schutz des ungeborenen Lebens ein, zum Wandel des traditionellen Familienbildes äußert er sich nur unverfänglich, die Homo-Ehe ist kein Thema. Genauso sehr wie das Gesagte bestimmt das Nicht-Gesagte seine Rede.

Für Barack Obama ist dieser Papst ein Geschenk des Himmels. Franziskus ist mit der Mission in die Vereinigten Staaten gereist, die reichste Nation der Welt an ihre Verantwortung für die Armen und für die nächsten Generationen zu erinnern. Seit er am Dienstag nordamerikanischen Boden berührt hat, wird der Papst nicht müde, gegen die Untätigkeit der Habenden zu sprechen und fordert eine Umverteilung des Reichtums. Er mahnt zur Milde gegenüber Einwanderern und fordert Aktivität im Kampf gegen den Klimawandel. Franziskus wirkt wie ein Advokat dessen, was Obama verspricht.

Im Anschluss an die Rede vor dem US-Kongress besuchte der Papst katholische Hilfsorganisationen.
Im Anschluss an die Rede vor dem US-Kongress besuchte der Papst katholische Hilfsorganisationen.Foto: David Goldman/dpa

„Was für einen schönen Tag hat der Herr geschaffen“, hatte der US-Präsident schon jubiliert, als er am Mittwoch den Papst bei strahlendem Sonnenschein im Garten des Weißen Hauses empfangen konnte. Franziskus dankte es Obama mit einem Lob für dessen Klimapolitik, das weltweit Gehör fand.

Für die Republikaner ist Franziskus eine harte Prüfung. Er werde im Kongress „Worte der Ermutigung“ sprechen, hatte der Papst angekündigt. Er wolle die US-Amerikaner an die Gründerwerte ihres Landes erinnern. Man könnte nun sagen: Er hat jenen die Leviten gelesen, die den menschengemachten Klimawandel als Fiktion abtun und den Armen und Einwanderern den Rücken zukehren.

„God bless Amerika“ , Gott segne Amerika, schenkt Franziskus dem Kongress zum Schluss. Und macht sich auf den Weg – zu dem, was für ihn wirklich zählt: Auf dem Programm steht ein Treffen mit Obdachlosen in Washington.

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