Papstbesuch in Frankreich : Benedikt XVI.: Trennung von Kirche und Staat lockern

Die Trennung von Staat und Kirche ist in der französischen Verfassung fest verankert. Nun regt der Papst an, dieses Prinzip zu überdenken. Die Religion könne helfen, einen "ethischen Grundkonsens innerhalb der Gesellschaft" herauszubilden. Eine Meinung, die auch Nicolas Sarkozy vertritt.

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Wie Gott in Frankreich: Der Papst zu Besuch bei Nicolas Sarkozy. -Foto: dpa

ParisBei seinem ersten Besuch in Frankreich hat Papst Benedikt XVI. der Debatte über die Trennung von Kirche und Staat neue Nahrung gegeben. Die Unterscheidung zwischen Politik und Religion sei notwendig, sagte der Papst am Freitag nach seiner Ankunft im Elysée-Palast. Es sei aber auch wichtig, sich "der unersetzlichen Funktion der Religion für die Gewissensbildung" bewusst zu werden. Staatschef Nicolas Sarkozy, der selbst für eine neue Gewichtung im Verhältnis von Religion und Staat eintritt, hob die christlichen Wurzeln Frankreichs hervor. Benedikt XVI. bleibt dort vier Tage und nimmt an den 150-Jahr-Feiern zu den Marien-Erscheinungen im Wallfahrtsort Lourdes teil.

Für den Papst ist es die zehnte Auslandsreise seit seiner Wahl vor dreieinhalb Jahren. Sarkozy holte das aus Deutschland stammende Oberhaupt der katholischen Kirche am Vormittag selbst am Flughafen ab, was laut Protokoll normalerweise nicht vorgesehen ist. Er wurde dabei von seiner Frau Carla Bruni-Sarkozy begleitet. Benedikt XVI. wird insgesamt elf Reden und Predigten in Frankreich halten, wo die Trennung von Kirche und Staat in der Verfassung verankert ist und sich immer mehr Menschen von der Kirche abwenden.

Sarkozy: "Wir stehen zu unseren christlichen Wurzeln"

Er sei überzeugt, dass in einer Zeit, "in der die Kulturen sich immer mehr verflechten", ein "neues Nachdenken" über Sinn und Bedeutung der Trennung von Kirche und Staat notwendig sei, sagte der Papst in seiner auf Französisch gehaltenen Rede im Elysée. Denn die Kirche könne helfen, einen "ethischen Grundkonsenses innerhalb der Gesellschaft" herauszubilden. In Frankreich weiche das "Misstrauen der Vergangenheit" gegenüber der Kirche allmählich einem "sachlichen und positiven Dialog", sagte der Papst. Er würdigte dabei, dass sich Staatspräsident Sarkozy mit seiner Forderung nach einer "positiven Laizität" gleichfalls für ein neues Nachdenken über das staatlich-kirchliche Verhältnis ausgesprochen habe.

"Wir stehen zu unseren christlichen Wurzeln", sagte Sarkozy. Sich der Religion zu berauben, sei "eine Tollheit". Für eine Demokratie sei es auch unter Beachtung des Prinzips der Laizität "legitim", mit den Religionen in einen Dialog zu treten. Die oppositionellen Sozialisten warnten umgehend, die Regierung müsse "der Wächter" des Laizitäts-Prinzips bleiben. Dies bedeute, dass Religion Privatsache in einem Staat sei, der die Freiheit der Ausübung des Glaubens garantiere.

Bis zu 300.000 Menschen zu Gottesdienst in Paris erwartet

Nach einem Empfang im Elysée-Palast am Mittag hält der Papst am späten Nachmittag im Pariser Bernhardiner-Kolleg eine Grundsatzrede zum Verhältnis von Religion und Kultur; am Abend ist eine Ansprache an junge Gläubige vor der Kathedrale Notre-Dame geplant. Die jungen Menschen seien seine "größte Sorge", sagte er im Elysée. "Einige von ihnen haben Mühe, eine ihnen angemessene Orientierung zu finden, oder leiden unter dem Verlust von Bezugspunkten in ihrem Familienleben." Die Kirche könne Hilfe leisten, sie "zu gegenseitiger Achtung und Hilfe zu ermutigen". Ebenfalls besorgt zeigte sich Benedikt XVI. über die "schleichend wachsende Distanz zwischen Reichen und Armen" und die Umweltzerstörung.

Am Samstagvormittag werden zu einem Gottesdienst unter freiem Himmel vor dem Invalidendom bis zu 300.000 Menschen erwartet. Über 5000 Polizisten sind in Paris zum Schutz der Veranstaltung und des Papstes abgestellt. Am Samstagnachmittag reist Benedikt XVI. weiter nach Lourdes. Der Überlieferung nach erschien dort der jungen Müllerstochter Bernadette Soubirou vor 150 Jahren die Gottesmutter. Rund sechs Millionen Menschen pilgern jährlich in den Ort, aus dem tausende Wunderheilungen berichtet wurden. 67 davon hat die Kirche anerkannt. (nis/AFP)

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