Papstbuch : Aus dem Innern

Papst Benedikt XVI. erklärt in seinem neuen Buch, warum er es den Menschen nicht leicht machen will.

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Kirchenoberhaupt: Papst Benedikt XVI. will die Institution schützen und bleibt dafür auf Distanz zu den Gläubigen.
Kirchenoberhaupt: Papst Benedikt XVI. will die Institution schützen und bleibt dafür auf Distanz zu den Gläubigen.Foto: dapd

Der Papst schaut sich bisweilen mit seinen Sekretären DVDs an, „Don Camillo und Peppone“ zum Beispiel. So steht es in dem neuen Interviewbuch „Licht der Welt“, das am Mittwoch erscheint. Es hat 250 Seiten und beruht auf einem sechsstündigen Gespräch, das der deutsche Publizist und Papst-Biograf Peter Seewald mit Benedikt XVI. im Sommer in Castel Gandolfo geführt hat. Seewald geht mit dem Papst alle Themen durch, die die fünf Jahre seines Pontifikats geprägt haben, von seinen Deutschlandbesuchen über den Dialog mit der orthodoxen Kirche, mit dem Islam und den Protestanten bis hin zur Affäre Williamson und dem Missbrauchsskandal.

Es ist das bislang einzige Interview, das jemals mit einem Papst geführt wurde. Aber so richtig nah, sozusagen weltlich-nah, kommen die Leser dem Papst bis auf wenige Stellen dennoch nicht. Sie lernen den „Heiligen Vater“ als einen Mann kennen, der sich ganz und gar in den Glauben und die 2000-jährige Kirchengeschichte hineinbegibt, der sich Jesus Christus und die Kirchenväter so sehr anverwandelt, dass Person und Amt verschmelzen. Das ist mindestens ebenso spannend zu erfahren wie die Sache mit „Camillo und Peppone“.

Vielleicht aber lebt Benedikt bisweilen doch zu sehr im Innern der Kirche und zu wenig in der heutigen Welt. So kommen fatale Fehleinschätzungen zustande. Er sei sich nicht bewusst gewesen, „dass man eine Papst-Rede nicht akademisch, sondern politisch liest“, sagt er über seine Rede, die er vor vier Jahren in Regensburg gehalten hat und in der er dem Islam bescheinigte, an einen „Willkür-Gott“ zu glauben. Ausschreitungen in der arabischen Welt waren die Folge, eine Nonne kam zu Tode.

Es habe leider keiner ins Internet geschaut, argumentiert Benedikt in der Affäre Richard Williamson. So habe man nicht wissen können, dass der Pius-Bruder ein notorischer Holocaust-Leugner ist. Sonst hätte er die Rücknahme seiner Exkommunikation nicht unterschrieben. Im Internet nachzuschauen, hielt aber auch deshalb keiner für nötig, weil es dem Papst bei der Rücknahme der Exkommunikation ausschließlich um die kirchenrechtlichen Bestimmungen ging.

Auch wenn es um sexuellen Missbrauch von Kindern geht, interessiert den Papst am meisten, welcher Schaden der Kirche dadurch zugefügt wurde. „Das Priestertum plötzlich so verschmutzt zu sehen, und damit die katholische Kirche selbst, in ihrem Innersten, das musste man wirklich erst verkraften“, sagt er. Vom Schmerz der Kinder ist keine Rede. Als Grund, weshalb es zu den Übergriffen kommen konnte, fällt dem Papst die „Erbsünde“ ein und „das Böse“.

Die moderne Welt ist nicht nur weit weg für das Oberhaupt der katholischen Kirche, gegen die moderne Welt kämpft er seit Jahrzehnten an. In weiten Teilen ist das neue Buch ein Aufguss dessen, was er seit Jahrzehnten predigt und in seinen päpstlichen Lehrschreiben verkündet: Die westliche Welt befindet sich im Niedergang, hat weder feste Werte noch Moral, dafür Drogen und Sextourismus, Materialismus und Individualismus. Benedikt verhöhnt die „banale Existenz des Wohlstandsbürgers“, der sich „treiben“ lasse, und gibt auch dem eigenen Personal eins mit. Die westliche Kirchenbürokratie sei „verbraucht und müde“ – von den Protestanten ganz zu schweigen. Ihnen wirft er vor, sich dem „Geist der Gegenwart“ anzupassen, und gibt erstmals zu, dass es auch an diesem „Konformismus“ liegt, dass das Gespräch zwischen den beiden Kirchen so schwer geworden ist.

Dem Dasein der Wohlstandsbürger setzt der Papst die „christliche Existenz“ entgegen, die er mit einer „harten Bergtour“ vergleicht. Wahre Zufriedenheit, Erkenntnis, Liebe und auch menschliche Sexualität sei nur möglich durch den Glauben an Gott und innere Balance. Um die zu erreichen, müsse man sich anstrengen und auch mal auf etwas verzichten, davon ist Benedikt überzeugt. Und da hat er ja auch nicht unrecht.

Warum sollte er also die Dogmen aufweichen und den Menschen das Leben einfacher machen? Statt den Zölibat abzuschaffen, sollten die Priester in Gemeinschaften leben, um nicht zu vereinsamen und um aufeinander aufzupassen, empfiehlt er. Geschiedene zur Eucharistiefeier zulassen? Geschiedene seien Christen zweiter Klasse („Christ unterhalb dessen, was ich als Christ sein sollte“), das sei schon schade, sagt der Papst. Aber damit müssten sie selbst klarkommen. Homosexualität anerkennen? Sexualität diene ausschließlich der Fortpflanzung innerhalb der Ehe, betont der Glaubenswächter. „Das Schwierige als Maßstab zu erhalten, an dem Menschen sich immer wieder messen können, ist ein Auftrag, der nötig ist, damit nicht weitere Abstürze erfolgen.“

Dass der Papst das Kondom als Verhütungsmittel erlauben könnte, steht außer Frage, wenn man den Kontext des Buches betrachtet. Präservative für HIV-infizierte Prostituierte zuzulassen, scheint sein äußerstes Zugeständnis. Oder steckt doch mehr dahinter?

Seewald spricht ihn darauf an, dass für viele Menschen Sexualität vor der Ehe normal sei. Darauf antwortet Benedikt: „Das ist ein großes Problemfeld.Dass vieles in dem Bereich neu bedacht, neu ausgesagt werden muss, ist richtig.“ Was er damit meint, bleibt offen. Ein paar Zeilen weiter gibt er Paul VI. und dessen „Pillen-Enzyklika“ „Humanae Vitae“ von 1968 recht: „Wenn man Sexualität und Fruchtbarkeit grundsätzlich voneinander trennt, wie es durch die Anwendung der Pille geschieht, dann wird Sexualität beliebig.“

Große Gemeinsamkeiten sieht der Papst mit dem Islam. Der sei eine „große religiöse Wirklichkeit, mit der wir im Gespräch stehen müssen“. Gemeinsam kämpfe man gegen den „radikalen Säkularismus“ und verteidige den Glauben an Gott und Gottesgehorsam. Allerdings müssten die Muslime ihr „Verhältnis zur Gewalt und zur Vernunft klären“.

Auch in der Frage, wie man die historisch-kritische Methode beurteilen soll – immerhin das Kernstück westlicher Theologie –, dürfte die Übereinstimmung mit Islamgelehrten groß sein: „Müsste man nicht sagen, dass mit der historisch-kritischen Methode eine Pseudowissenschaft betrieben wurde, die Millionen von Menschen in die Irre geführt hat“, fragt Peter Seewald, gegen dessen Fragen noch die konservativsten Antworten des Papstes liberal wirken. „Ich würde nicht so hart urteilen“, antwortet der Papst. Man müsse die historisch-kritische Methode ja nicht ganz aufgeben, aber klar sei: „Die Bibel muss in dem Geist gelesen werden, in dem sie geschrieben wurde.“ Kein Wunder, dass sich der Papst mit dem König von Saudi-Arabien gut verstanden hat.

– Benedikt XVI./ Peter Seewald: Licht der Welt. Der Papst, die Kirche und die Zeichen der Zeit. Ein Gespräch. Verlag Herder, Freiburg 2010, 256 Seiten, 19,95 Euro.

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