Papstreise : Wohin steuert Kuba?

Papst Benedikt XVI. besucht Kuba. Er wird ein Land sehen, das sich mehr als fünf Jahrzehnte nach der Revolution langsam zu wandeln beginnt. Manche reden schon von einer neuen Gründerzeit. Ist das nur westliches Wunschdenken?

Roman Rhode
Heute ist es den Kubanern erlaubt, auf eigene Rechnung zu wirtschaften.
Heute ist es den Kubanern erlaubt, auf eigene Rechnung zu wirtschaften.Foto: REUTERS

Es gibt ihn wieder. Und er ist lauter als vor 50 Jahren: „Maniiiiis“, schallt der Ruf der Erdnussverkäufer durch die Straßen Havannas. Jahrzehntelang war er verstummt. Wenn überhaupt, dann bekam man die Nüsse im Flüsterton angepriesen. Dabei hatte die populäre Figur des singenden Erdnussverkäufers in den 30er Jahren einen Son cubano inspiriert, den sogar George Gershwin in seiner „Kubanischen Ouvertüre“ anklingen lässt. René de la Nuez grinst: „Jetzt müssen die Verkäufer nur noch an ihrer Melodie feilen.“

De la Nuez ist Maler und Karikaturist. In den 50er Jahren wurde er durch seine Satiren gegen die Diktatur Batistas bekannt, nach der Revolution stieg er als Karikaturist beim Regierungsblatt „Granma“ ein. Als er Mitte der 90er Jahre Prostitution und Doppelmoral aufs Korn nahm, fiel er in Ungnade. Erst vor fünf Jahren wurde er rehabilitiert. Seitdem hat er Preise und Würdigungen erhalten, eine Retrospektive seiner Arbeiten war im Museo de Bellas Artes zu sehen. Davon kann er jedoch ebenso wenig leben wie von seiner Rente, die er in Pesos erhält. Reale Kaufkraft besitzt nur der konvertible Peso, der CUC, der als parallele Währung zirkuliert. Um die zu verdienen, muss De la Nuez nun für Zeitschriften in Spanien und Mexiko zeichnen. Sein Studio liegt in der elften Etage eines eleganten Hochhauses von 1957, in einem Viertel, das vor 100 Jahren von Zuckerbaronen bewohnt war.

Ein Stockwerk tiefer vermietet die Ingenieurin Margarita Alayón zwei Räume ihres Apartments als Gästezimmer. Die größtenteils ausländischen Gäste fühlen sich wohl, die Adresse ist beliebt. „Aber fast die Hälfte meiner Einnahmen“, klagt Alayón, „geht für Steuern verloren.“ Der Staat verdient kräftig mit beim privaten Gewerbe, das in diesem Haus fast alle Bewohner betreiben. Mehrere Zimmervermietungen gibt es dort, einen Frisörsalon und ein kleines Restaurant. Die Nachbarn haben ihre CUC zusammengelegt, um den rumpelnden Aufzug reparieren zu lassen. Und als Kleinunternehmer beschäftigen sie auch Angestellte. Magalys etwa, das Zimmermädchen von Alayón. Unten, neben der Einfahrt, betreibt Miguel eine improvisierte Motorradwerkstatt. Am Straßenrand warten Akademiker auf Fahrgäste für ihre ausgebeulten Buicks oder aufgemotzten Rikschas. An der Bushaltestelle gegenüber können sich die Wartenden mit Süßigkeiten aus Bauchläden bedienen. Und in den Seitenstraßen deckt man in verfallenen Villen die Tische – für das Mittagessen der Angestellten des Außenministeriums.

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