Politik : Papsttreu und machtbesessen

Martin Gehlen

In vielem ist Johannes Paul II. ein Rekordhalter - auch bei den Heiligsprechungen. In seinen knapp 23 Amtsjahren hat das katholische Oberhaupt aus Polen mehr Christen in den Stand der Heiligkeit befördert, als alle Päpste des Mittelalters und der Neuzeit zusammen. Vergessen die Kirchenreformen des 12. Jahrhunderts, die das ausgeuferte und korrumpierte Heiligenwesen des ersten christlichen Jahrtausends drastisch reduzierten. Vergessen die extreme Zurückhaltung aller nachfolgenden Päpste. Johannes Paul II. setzt auf Frömmigkeit und Vorbilder. Für ihn sind seine knapp 480 Heilig- und 1250 Seligsprechnungen ein willkommenes Instrument der Kirchenführung und Kirchenpolitik. Nach katholischer Sitte dürfen Selige in Regionalkirchen verehrt werden, Heilige von der gesamten Weltkirche. Momentan sind weitere 1500 Verfahren bei der zuständigen vatikanischen Kongregation anhängig.

Die Auswahl der Geehrten folgt keinem klaren Schema. Manche Verfahren stecken jahrzehntelang in den vatikanischen Gremien, andere durchlaufen sie im Rekordtempo. Der Gründer der katholischen Priester- und Laienorganisation Opus Dei, der spanische Priester Josefmaria Escriva de Balaguer (1902 - 1975), gehört erstaunlicherweise zu den langwierigeren Fällen. Denn der alte Mann im Vatikan gilt als Gönner der Organisation, trotz aller Kritik an dessen "asketischen Exzessen", fragwürdigen Bekehrungsmethoden und autoritären Strukturen. Anderen Mächtigen im Vatikan jedoch ist der eigentümliche Laienbund suspekt, was den zähen Widerstand gegen die feierliche Aufwertung seines Gründers erklärt.

Nun aber ist der Weg frei. Papst Johannes Paul II. hat in einem Dekret das für die Heiligsprechung notwendige Wunder Escrivas anerkannt. Es handelt sich angeblich um die wissenschaftlich unerklärliche Heilung eines spanischen Arztes, der unter einer extremen Form von Hautzerfall litt. Der Opus-Dei-Gründer soll, so jedenfalls die zuständige vatikanische Kongregation, die Wunderheilung nach seinem Tod bewirkt haben.

Escriva, von Johannes Paul II. 1992 bereits selig geprochen, gründete das Opus Dei 1928 in Madrid. Ziel der Bewegung, die unverkennbare Züge einer Sekte trägt, ist eine "Christianisierung der Gesellschaft". Derzeit hat sie über 80 000 Mitglieder, viele von ihnen arbeiten in Universitäten und kirchlichen Instituten. Kritiker werfen Opus Dei vor, es wolle Reformen in der Kirche verhindern, sei extrem konservativ bis reaktionär, geheimbündlerisch und machtbesessen.

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