Politik : Paradies in Trümmern

Touristen berichten in Berlin und Frankfurt über das, was sie in den Katastrophengebieten erlebten

Rainer W. During[Sabine Beikler un],Oliver Bilger[Sabine Beikler un]

Lankan Fushi, eine Insel der Malediven: Claudia Rosso und Urania Römer aus Berlin wurden in ihrem Bungalow von Getöse geweckt. Als sie die Tür aufmachten, schwappte eine große Welle in den Bungalow. „Das Wasser stieg, wir mussten in dem Raum schwimmen“, erzählt die 25 Jahre alte Claudia Rosso am Montagabend nach ihrer Ankunft auf dem Flughafen Tegel. Die beiden Frauen gehörten zu den ersten Berlinerinnen, die nach der Katastrophe von den Malediven zurückkehrten. In ihrem Bungalow hatten sie sich festhalten können und wurden nicht vom Rücksog auf das Meer hinausgetrieben. Als das Wasser zurückging, sahen sie draußen Kinder, die fortgerissen wurden. „Die Eltern konnten sie nicht mehr festhalten“, sagte Claudia Rosso. Die beiden Frauen erzählen, dass das Personal der Ferienanlage sich rührend um sie gekümmert habe. Sie konnten ihre durchnässten Habseligkeiten retten und wurden auf die Hauptinsel Male gebracht. Dort kauften sie sich ein Rückflugticket. „Von unserem letzten Geld“, sagte Urania Römer. „Die Fluggesellschaft „Emirates“ war nicht bereit, uns umzubuchen und uns vorzeitig nach Hause zu lassen.“

Frankfurt am Main: Am frühen Montagmorgen sind die ersten deutschen Touristen aus Südostasien auf dem Flughafen gelandet. Um 5 Uhr 40 und 6 Uhr 10 setzten die Maschinen der Thai Airways und der Lufthansa aus Phuket und Bangkok in Frankfurt auf. Den Schrecken haben die Passagiere mit im Gepäck.

Nai Harn auf Phuket: Sven Ramspott berichtet von einer „Riesenwelle“, die Strand, Promenade und sein Hotel auf der thailändischen Insel Phuket innerhalb von Augenblicken überschwemmte. „Plötzlich sahen wir die Flutwelle, die bestimmt zwei Meter hoch war. Es war wie im Film“, sagt der 28-Jährige. Dann sei er auf den nächsten Berg geflüchtet. Die Situation am Strand von Nai Harn beschreibt der Mann als vollkommen chaotisch: Die Rezeption sei „voller Blut“ gewesen, „es gab keine Polizei, keine Absperrung und immer mehr Schaulustige“. Die Verletzten seien auf Laderampen von Kleinlastern verladen und nur mit Tüchern gegen die Hitze abgedeckt worden. „Krankenwagen habe ich keine gesehen“, so Ramspott weiter. Ramspott und seine Partnerin ereilte das Unglück am Ende ihres dreiwöchigen Urlaubs: „Wir hatten Glück“, sagt er nun.

Patong auf Phuket: Klara Eisemann hat an ihrem Urlaubsort noch beobachtet, wie Kinder an den Strand gelaufen sind, als das Wasser zurückwich. „Die wussten gar nicht, was passiert“, sagt die Urlauberin aus Saarbrücken. „Dann kam die Welle, erst ziemlich langsam, dann schnell und hat alles mitgerissen: Liegestühle, Buden, selbst Autos.“ Bekannte berichteten ihr, dass sie von den Fluten „durcheinander gewirbelt“ worden seien und zwischen den Autos schwammen.

Liliane und Jean-Claude Herrmann wollen ihre Erlebnisse „so schnell wie möglich wieder vergessen“. 800 Meter vom Strand entfernt hätten sie im Hotel gefrühstückt, als die Welle kam. Sie selbst sind unversehrt geblieben, doch vor dem Hotel habe ein unvorstellbares Chaos geherrscht, sagt Liliane Herrmann. Sie hätten sich hilflos gefühlt, kein Reiseleiter war erreichbar. Die Lage auf Phuket sei katastrophal. Viele Existenzen seien vernichtet. Das Ehepaar kam mit der Abendmaschine aus Phuket. Alle anderen Urlauber des Flugs wurden auf dem Flughafen Frankfurt nach der Ankunft in einen separaten Raum geführt, dort verpflegt und psychologisch betreut.

Khao Lak: Eine Berliner Tagesspiegel-Leserin berichtet von einem Anruf ihres Sohnes, der mit seiner Freundin die Welle überlebt hat, weil er mit einer Tauchergruppe auf einem Boot ganz weit draußen im Meer war. Die Verständigung per Telefon war nur für eine Minute möglich, das Telefonnetz ist meist zusammengebrochen. Als er mit dem Boot zurückkam, sah er von seinem Hotel nichts mehr. Er berichtet, dass nahezu alle Resorts von der Welle fortgerissen wurden. Der Sohn hatte alle seine Pässe, Dokumente, Kreditkarten und Geld im Safe gelagert – all das ist fort. Ein Militärflugzeug sollte seine Freundin und ihn gestern am späten abend nach Bangkok bringen. Seine Mutter war überglücklich, dass er es telefonisch geschafft hatte, sie wenigstens für eine Minute zu erreichen und zu sagen, dass er und seine Freundin noch leben. Bei der Hotline des Auswärtigen Amtes hatte sie die ganze Nacht hindurch angerufen und war nicht durchgedrungen. So erging es auch vielen anderen verzweifelten Berlinern, die Angehörige oder Freunde im Unglücksgebiet haben und nichts über den Verbleib wissen.

Bang Niang Beach: Die in den letzten fünf Jahren gewachsenen Ferienorte Khao Lak und der zehn Kilometer entfernte, paradiesische Sandstrand Bang Niang Beach liegen etwa 110 Kilometer von der Ferieninsel Phuket entfernt. Was mit den Tauchern und Touristen der vielen Tauchcenter geschehen ist, die während der Flutwelle noch auf den Booten im Indischen Ozean oder in Strandnähe waren, ist nicht bekannt. Der Berliner Agentur-Inhaber Wolfgang Schüler und der Fotograph David Bers kommen ebenso wie Tagesspiegel-Redakteurin Sabine Beikler seit vielen Jahren hier an die Westküste. Dass Sabine Beikler nicht während der Katastrophe an dem Strand weilte, lag nur daran, dass sie zum ersten Mal nach mehreren Jahren in dieser Zeit arbeiten musste.

Bangkok: Ihre Freunde David Bers und Wolfgang Schüler waren nur durch einen Zufall in Bangkok geblieben. „Normalerweise wären wir schon längst in Bang Niang, an einem der verwüsteten Strände“, sagt Hobbytaucher Bers.

Andamanen-Inseln: Die Zahl der Urlauber in den Unglücksgebieten ist völlig unklar. Zwar sind die Pauschaltouristen erfasst. Ein Beamter der thailändischen Tourismusbehörde erklärte aber, dass sich neben diesen organisierten Urlaubern gerade „in der Hochsaison stets gut nochmal so viele selbständige Einzelreisende im Land aufhalten, „vor allem auch viele jüngere so genannte Rucksacktouristen“. Die Zahl der Toten könnte noch steigen, weil gerade bei diesen jüngeren Einzeltouristen die kleineren, der Andamanen-Küste vorgelagerten Inseln viel beliebter sind als das traditionelle Phuket. Genau diese kleineren Inseln jedoch sind vom Kommunikationsnetz abgeschnitten.

Koh Phi Phi: Auf Koh Phi Phi, die nicht weit von Phuket entfernte Insel, die durch den Film „Der Strand„ mit Leonardo DiCaprio vor einigen Jahren berühmt geworden ist, trafen erst am Montag erste Rettungskolonnen ein. Unmittelbar vor dem Eintreffen der Flutwellen hatten noch Boote mit zweihundert Urlaubern angelegt.

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