• Parallel zur Weltausstellung in Hannover werden in Sachsen-Anhalt auf kleinem Raum Städte und Dörfer saniert

Politik : Parallel zur Weltausstellung in Hannover werden in Sachsen-Anhalt auf kleinem Raum Städte und Dörfer saniert

Matthias Meisner

Vielleicht gehört die SPD-Gemeinderätin Martina Schön aus Zschornewitz zu den wenigen ihrer Generation, die zwei Umbrüche erlebt haben. Der eine, 1989, das war der für alle Ostdeutschen. Der andere, fast zehn Jahre später, fand nur für die Zschornewitzer statt, die Bewohner dieses Dörfchens auf halber Strecke zwischen Dessau und Bitterfeld. Und da war die agile blonde Frau Schön mitten drin. Heute kann die Kommunalpolitikerin sagen: "Wir haben schon eine ganze Menge Revolution hier ausgestanden."

Die Kolonie Zschornewitz, das ist eines von 34 Projekten der Expo-Partnerregion Sachsen-Anhalt. Diese Partnerregion allein, die am Montag mit einer Veranstaltung im Bitterfelder Kulturpalast offiziell "eröffnet" wurde, ist eine Besonderheit - kein anderes Bundesland hat seine Expo-Projekte auf so eng umgrenztem Raum zusammengefasst. Auf einer Fläche von 1500 Quadratkilometern werden beispielgebend Städte, Dörfer, Bergbaufolgelandschaften und traditionsreiche Standorte der Chemieindustrie saniert - oder besser gesagt, dem Motto der Partnerregion entsprechend, "verwandelt".

Im Umfeld des Dessauer Bauhauses war nach der Wende die Idee entstanden, noch einmal Gestaltungsmaßstäbe zu setzen - und modellhaft Strukturentwicklung zu betreiben. Das Wort von der "Gegen-Expo" machte die Runde - ein Wort, das so zugespitzt heute keiner der Verantwortlichen mehr in den Mund nehmen möchte. Etwas vorsichtiger schon sprach die frühere grüne Landesumweltministerin Heidrun Heidecke von der "Expo von unten". Und der Geschäftsführer der Expo Sachsen-Anhalt, Gerhard Seltmann, nennt die Korrespondenzregion inzwischen einen "Hebel für nachhaltige Regionalentwicklung". Zwei Wochen vor der offiziellen Eröffnung der Weltausstellung in Hannover kann er zeigen, dass Projekte entstanden sind, die über das Expo-Jahr 2000 hinaus Bestand haben werden.

Zum Beispiel die sanierte Siedlung Zschornewitz. Sie ist in den Jahren 1915 bis 1924 direkt beim Kraftwerk Zschornewitz errichtet worden, damals das größte Braunkohlekraftwerk der Welt. Kleine Häuschen für die Kraftwerker und Bergarbeiter prägen das Bild der Kolonie - die im Rahmen des Expo-Projektes vom Energiekonzern VEAG farbenfroh sanierten 200 Wohnungen sind inzwischen weitaus beliebter als die Plattenbauten Bitterfelds und Wolfens. Dabei hatte die Sanierung unter dem strengen Blick der Denkmalschützer für viele Bewohner ihren Preis: Die zu DDR-Zeiten errichteten Garagen, Schuppen und Ställe mussten aus der Gartensiedlung verschwinden.

Dabei ist Zschornewitz noch längst nicht das aufsehenerregendste Projekt der Korrespondenzregion. Unweit der ehemaligen Kraftwerker-Siedlung liegt Ferropolis: Aus fünf monumentalen Braunkohlebaggern ist die "Stadt aus Eisen" entstanden, die zur Konzertarena umgebaut wurde. Ein Techno-Konzert soll hier Anfang Juni die Saison eröffnen, im Juli lädt die Evangelische Jugend zum Camp und zu seinem 75. Geburtstag widmet der griechische Komponist Mikis Theodorakis "Ferropolis" die Symphonie "Feuermusik".

Nicht jeder Blütentraum ist in der Korrespondenzregion gereift. Das monumentale ehemalige Braunkohlekraftwerk Vockerode etwa, noch vor zwei Jahren Schauplatz einer groß angelegten Landesausstellung, wird im Expo-Jahr weitgehend ungenutzt bleiben - nur an zwei Tagen im Sommer ist zwei Tage lang eine Inszenierung mit Musik, Licht und Malerei geplant.

Auch der Baggerstadt "Ferropolis" fehlen mehrere Millionen Mark, um alle gewünschten Ausbaupläne realisieren zu können. Von "Sorgenkindern" will Expo-Geschäftsführer Seltmann dennoch nicht sprechen. "Es gibt Dinge, die bewegen sich langsamer", sagt er. Angesprochen auf Vockerode berichtet er, dass noch längst nicht alle diskutierten Nutzungsmöglichkeiten verworfen sind - zuletzt im Gespräch war, dort eine gläserne Fertighaus-Fabrik aufzubauen. Keiner wolle sich leisten, mitten im historischen Gartenreich Dessau-Wörlitz eine Ruine stehen zu lassen.

Die Korrespondenzregion als "kleine Schwester" der Weltausstellung hat es manchmal nicht einfach gehabt - die Hannoveraner, denen das Wasser wegen schlechtem Kartenvorverkauf und Finanzierungslücken selbst bis zum Hals steht, haben beschlossen, Sachsen-Anhalt - wie auch die anderen weltweiten Projekte - nicht zu bewerben. "Es hat keinen Sinn, das ständig zu kritisieren", sagt Seltmann verärgert.

Wichtiger aber aus Sicht der Initiatoren: In der strukturschwachen Region Sachsen-Anhalts werden Zeichen gegen Resignation gesetzt. "Die Menschen haben sich wiedergefunden", sagt ein Expo-Sprecher. Das will auch die Zschornewitzer Gemeinderätin gern bestätigen. In Anbetracht mancher Schwierigkeiten hatte eine Zeitung neulich geschrieben, sie habe den Glauben an die Welt verloren. Aber Martina Schön widerspricht: "Das passiert bestimmt nicht."

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben