Politik : Paris und Berlin bekommen mehr Einfluss auf Jugendwerk

Philipp Wittrock

Berlin - Alfred Grosser nennt es „ein Trauerspiel“, das Bundesjugendministerium glaubt an einen „Push für die nächsten Generationen“. Das Deutsch-Französische Jugendwerk (DFJW) wird reformiert, und die Meinungen darüber könnten kaum weiter auseinander gehen. Nicht, dass nach mehr als 40 Jahren, die das DFJW nun schon den Austausch zwischen Jugendlichen beider Nationen fördert, nicht über Veränderungen nachgedacht werden kann. „Aber doch nicht am zentralen Punkt der ganzen Organisation“, sagt Alfred Grosser, in Frankfurt am Main geborener französischer Politologe und Publizist.

Der zentrale Punkt, von dem Grosser spricht, das ist der, an dem die programmatischen Schwerpunkte gesetzt werden, und vor allem: an dem das Geld verteilt wird. Diese Aufgabe liegt bisher bei einem 30-köpfigen Kuratorium, je zur Hälfte aus Deutschen und Franzosen besetzt. Präsidenten sind die jeweiligen Jugendminister, Renate Schmidt und Jean-Francois Lamour. Die Mehrheit der Kuratoriumsmitglieder kommt jedoch aus der Jugendbildung. Damit ist die Unabhängigkeit des DFJW gesichert. Ein Generalsekretär und sein Stellvertreter führen die Geschäfte.

Nun haben sich die Minister auf ein neues Abkommen über das Jugendwerk geeinigt, das am 1. Juli in Kraft treten soll. Es sieht nach Angaben von Peter Fricke, Leiter der Abteilung Kinder und Jugend im Bundesjugendministerium, vor, die Entscheidungshoheit künftig einem Verwaltungsrat zu übertragen, der sich fast zur Gänze aus Regierungsvertretern zusammensetzt. Eines der 14 Mitglieder soll eine Jugendorganisation repräsentieren. Das Kuratorium wird nur noch fachlich-beratende Funktion haben. „Die Verantwortung des Jugendwerks wird darum keine andere sein“, sagt Fricke.

Die Kritiker dagegen sprechen von „Entmachtung“ und „Zerschlagung“. „Das DFJW wäre damit endlich, wie manche es sich schon lange gewünscht haben, unter der Fuchtel der Regierungen“, sagt Reinhard Wilke, von 1980 bis 1984 Generalsekretär des DFJW. Als Anhängsel der Ministerien werde das Jugendwerk keine Wirkung haben.

Mit der Neuordnung der Gremien möchten die Ministerien ein Problem beheben: Im Kuratorium entscheiden Vertreter von Jugendorganisationen über die Vergabe finanzieller Mittel, deren potenzielle Empfänger sie zugleich sind.

Das DFJW war wegen der Verlegung des Hauptsitzes von Bad Honnef nach Paris und der lange ungeklärten Finanzierung dieses Schrittes in eine Krise geraten war. Zwischen Januar 2001 und April 2003 tagte das Kuratorium nicht ein Mal, obwohl zwei Sitzungen jährlich vorgesehen sind. 2002 wurden die Geschäfte ohne verabschiedeten Haushalt geführt.

„Die Mittelvergabe ist nur eine Schwäche im Vergleich zu vielen Stärken“, meint aber Grosser. Der Beauftragte der Bundesregierung für die deutsch-französische Zusammenarbeit und Staatsminister im Auswärtigen Amt, Hans Martin Bury (SPD), wollte sich zur Reform des DFJW nicht äußern.

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