Politik : Pariser Bürgermeister Tiberi verläßt im Eklat Sitzung seiner Partei

Eric Bonse

Eklat bei den Pariser Gaullisten: Bürgermeister Jean Tiberi wirft seiner Partei "unfaires Verhalten" vor und droht damit, bei der Bürgermeisterwahl 2001 mit einer eigenen Liste anzutreten. Damit steht den streitgeplagten Gaullisten eine neue Spaltung bevor - und das ausgerechnet zu Beginn des Wahlmarathons der Jahre 2001 und 2002, in denen in Frankreich Parlaments- und Präsidentschaftswahlen geplant sind.

Der Eklat ereignete sich bei einer Anhörung zur Auswahl des offiziellen gaullistischen Bürgermeister-Kandidaten für Paris. Vier Politiker sind für die Kandidatur im Rennen: Neben dem amtierenden Bürgermeister Tiberi bewerben sich auch Ex-Premierminister Edouard Balladur, Ex-Parteichef Philippe Séguin und die bisherige Tiberi-Stellvertreterin Francoise de Panafieu. Alle vier Politiker waren am Donnerstag zu einer Anhörung in der gaullistischen Parteizentrale an der Pariser Rue de Lille geladen worden.

Doch während sich Panafieu, Séguin und Balladur geduldig auf das stundenlange Frage-Antwort-Spiel mit Parteichefin Michèle Alliot-Marie einließen, schlug Tiberi schon nach zwanzig Minuten die Tür hinter sich zu. "Das Auswahlverfahren ist ungerecht und unfair", erklärte der unbeliebte und chancenlose Kandidat. "Ich möchte mich nicht auf ein von Anfang an gezinktes Verfahren einlassen", sagte Tiberi. "Deshalb verlasse ich die Anhörung."

Tiberis Paukenschlag kam nicht völlig unerwartet. Schließlich fordert der Pariser Bürgermeister bereits seit Wochen eine demokratische Urabstimmung unter den Gaullisten, um den offiziellen Kandidaten zu ernennen. Außerdem macht Tiberi keinen Hehl daraus, dass er notfalls auf eigene Rechnung in die "Schlacht um Paris" ziehen will. Damit hat er sich selbst bei Freunden wie Staatspräsident Jacques Chirac unbeliebt gemacht.

Dennoch ist der Schaden für die Gaullisten beträchtlich. Tiberis Kritik an dem undurchsichtigen Auswahlverfahren für die Kommunalwahl wird nämlich von vielen Parteifreunden, vor allem aber von der Öffentlichkeit geteilt. Der konservative "Figaro" machte mit Tiberis Paukenschlag auf. Das Pariser Boulevardblatt "Le Parisien" machte sich über die Gaullisten lustig: "Die Wahl des Papstes in Rom könnte nicht mysteriöser sein." Parteichefin Alliot-Marie katapultiere die Chirac-Partei in die undemokratische Vorzeit zurück, in dem wichtige Posten unter "vier Apparatschiks, zwei Kumpels und drei Helfershelfern" ausgekungelt wurden.

Auch das weitere Vorgehen spricht nicht gerade für Transparenz: Die Ergebnisse der Anhörung werden nämlich streng geheim gehalten. Parteichefin Alliot-Marie entscheidet allein, und sie will ihre Wahl frühestens am 17. Mai bekannt geben. Bleibt abzuwarten, ob die bösen Zungen recht behalten, die behaupten, die Würfel seien längst gefallen - für Ex-Parteichef Séguin.

» Mehr Politik? Jetzt Tagesspiegel lesen!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben