Politik : Parlamentswahl in Montenegro: Von allem nicht genug

Stephan Israel

Der lange Ehrentisch am Ende der Hotelhalle muss in dieser Nacht leer bleiben. Der Gast, der dort gerne mit seiner Entourage Platz zu nehmen pflegt, wartet wohl bis zuletzt an unbekanntem Ort auf die überraschende Wendung. Eine klare Mehrheit sollte es werden und ein eindeutiger Auftrag für den nächsten großen Schritt. Stattdessen bringt die Nacht nur einen mickrigen Vorsprung von zwei Mandaten auf den Hauptgegner und ein Ergebnis, das man üblicherweise als Pattsituation beschreibt.

Auf einer Großleinwand mitten in der Hotelhalle ist am früheren Abend noch das Programm des Staatsfernsehens zu verfolgen. Doch immer öfter wird die politische Berichterstattung über die Schicksalswahl durch Folkloreeinlagen unterbrochen. Irgendwann schaltet dann ein gnädiger Kellner das traurige Programm ganz aus. "Es ist nie zu spät", ruft die Sängerin ihr melancholisches Lied in die Hotelhalle.

Im Hotel "Crna Gora", der ersten Adresse am Ort, ist man unter sich. Diplomaten und Journalisten zahlen da gesalzene Preise für bescheidene Betten in der einzigen größeren Herberge der Hauptstadt. Sie können hier auch auf die Anhänger des weltoffenen und westlich orientierten Montenegros treffen. Diese reden an diesem Abend vom Alptraum ohne Ende oder wollen ganz einfach auswandern in eine andere Welt. Waren die zehn Jahre der Zwangsgemeinschaft mit Slobodan Milosevic und seinen Nationalisten nicht schon genug? Der Traum vom eigenständigen Montenegro, dem idyllischen Ferienparadies an der wilden Adriaküste, ist schon fast geplatzt. Grafik: Parlamentswahl in Montenegro Auch die Günstlinge und Freunde des mächtigsten Mannes im kleinen Land kommen in die Hotelhallen zum Stelldichein. Dieser mächtige Mann ist es, der viele mit Posten und Einfluss versorgt. Nun sitzen man in diesen Stunden in kleinen Gruppen zusammen und fürchten sich vielleicht schon um die Pfründe. Normalerweise müssten auch die finsteren Leibwächter schon längst gelangweilt ihre Positionen bezogen und der wichtigste Ehrengast des Landes seinen Platz am Tisch eingenommen haben. Der Präsident zeigt sich immer nach geschlagener Schlacht.

In der langen Nacht nach der Schicksalswahl warten Anhänger und Sympathisanten von Milo Djukanovic vergeblich auf Montenegros jugendlichen Präsidenten. Die Gesichter von der Hotellobby bis hinten im Restaurant werden immer länger. An den Tischen werden die Zahlen hin und her gerechnet. Doch das Resultat schaut am Ende nicht besser aus. Eine deprimierte Runde bestellt noch eine Falsche Wein.

Dabei etwa Prinz Nikola, Enkel von Montenegros letztem König. Der Thronfolger, heute ganz Republikaner und eigentlich ohne Anspruch auf den Titel, ist extra aus Frankreich angereist, um seine Stimme abzugeben. Um Fernsehen war er noch eben zu sehen, wie er gebrochen in der Sprache seiner angestammten Heimat erzählt, "eine Stimme für Montenegro" abgegeben zu haben. Der freundlich Herr geht in Paris dem Beruf als Architekt nach. Während der Besuche in der alten Heimat kümmert er sich sonst weniger um Politik als um kulturelle Veranstaltungen. Doch seine Sympathie für die Unabhängigkeitsbestrebungen Montenegros sind bekannt.

Vielleicht sei die Mannschaft um Milo Djukanovic, Montenegros Ersatzkönig, zu arrogant aufgetreten, wiegt der sympathische Besucher aus Paris nachdenklich den Kopf. Und er redet von den glitzernden Autos und dem Reichtum, mit dem die Günstlinge am Hof von Milo Djukanovic gerne protzen. Der Thronfolger ohne Ambitionen stellt dem republikanischen Amtsinhaber ein durchwachsenes Zeugnis aus. Er ist da nicht der Einzige.

Bratislav Grubacic, Publizist aus Belgrad, spricht vom "schlechtest möglichen Ergebnis". Weder das Lager der Befürworter der Unabhängigkeit noch der projugoslawische Block haben einen klaren Auftrag. Das Lebensprojekt von Milo Djukanovic, der gerne als "Vater der Nation" in die Geschichtsbücher eingegangen wäre, ist nach der voreiligen Zuversicht im Wahlkampf ernsthaft gefährdet. Doch was kann der angeschlagene Ersatzkönig weiter tun? Der Handlungsspielraum scheint mit einem Schlag zusammengeschrumpft. Weiter wursteln ist praktisch die einzige Option. Der Fiktion des jugoslawischen Bundesstaates mit Serbien wird Djukanovic auch unter Druck der internationalen Gemeinschaft kein neues Leben einhauchen können: Die Agonie im gemeinsamen Bundesstaat wird weitergehen, fürchten viele.

Die Agonie trifft jedoch nicht nur die Hülle, die Montenegro und Serbien noch lose zusammenhält. Sie lähmt auch beide Teilrepubliken auf ihre Art. In Serbien wird der Konflikt zwischen Präsident Vojislav Kostunica und Premier Zoran Djindjic verewigt. Das jugoslawische Staatsoberhaupt möchte Montenegro wieder stärker einbinden, während der pragmatische Regierungschef der kleinen Schwesterrepublik keine Träne nachgeweint hätte.

Nach der Schicksalswahl sind allen die Hände gebunden. Vor allem Montenegro bietet das Spiegelbild eines zerrissenen Landes. Junge Männer spreizen aus den Autofenstern drei Finger zum Gruß der serbischen Nationalisten. Sie schwenken Fahnen in den Farben Serbiens und Jugoslawiens.

Dagegen bemüht sich Djukanovic: "Wir haben einen bedeutenden Schritt vorwärts gemacht." Seine Anhänger schwenken die Fahne mit dem montenegrinischen Emblem. Der Präsident verspricht eine Regierung, die einem unabhängigen, demokratischen und proeuropäischen Montenegro verpflichtet sein werde. Er sieht einen ernsthaften Vorsprung für den Block der Unabhängigkeitsbefürworter im neuen Parlament: "Wir sind mehrere Schritte, mehrere Kilometer vorwärts gekommen." Doch wo die Reise genau hinführen soll ist nach der Schicksalswahl unklarer denn je.

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