Parlamentswahl : Isländer wollen heraus aus dem Tief

Die Parlamentswahl in Island ist auch ein Votum über die Haltung zur EU. Gerade ältere Isländer sind unbeirrt gegen die EU.

Andre Anwar[Stockholm]
Sigurdardottir
Will die Regierung weiterhin führen: Johanna Sigurdardottir. -Foto: dpa

„Walhalla“ ist das himmlische Paradies der alten Wikinger, und so heißt das neue Institut nun „Walhalla Bank“. Es ist die erste neu gegründete Bank Islands seit dem völligen Kollaps des Finanzsystems. Am Eingang einer ehemaligen Bankfiliale, im Einkaufszentrum am Glerartorg im nordisländischen Akureyri, soll das in neonrosa und neongrün glänzende Schild der Paradiesbank all die Arbeitslosen anziehen, die Island seit kurzem hat. Das Ganze ist natürlich nur ein Kunstprojekt. Zu den wegen dem Wirtschaftszusammenbruch vorgezogenen Parlamentswahlen, die an diesem Samstag stattfinden, wollen die Kunststudenten, die hinter der „Walhalla Bank“ stecken, die düstere Stimmung in der Krise auflockern. Die registrierte Arbeitslosigkeit stieg in Island von 1,6 Prozent im Vorjahr auf neun Prozent im März. Die Dunkelziffer soll noch viel höher liegen. Bei den Wahlen steht die Jobfrage deshalb auch an erster Stelle.

Die sozialdemokratische Übergangsministerpräsidentin Johanna Sigurdardottir und ihr linksgrüner Koalitionspartner haben versprochen, in Projekte zu investieren, die viele Arbeitskräfte erfordern. Sigurdardottir regiert das Land seit Februar. Demonstranten hatten damals den Rücktritt des konservativen Regierungschefs und EU-Gegners Geir Haarde erzwungen. Dessen Selbstständigkeitspartei hatte das Land seit der Unabhängigkeit maßgeblich geprägt und wird für den Beinahebankrott Islands verantwortlich gemacht.

Dementsprechend sagen Umfragen Sigurdardottirs linkem Regierungsbündnis einen klaren Wahlsieg voraus. Die Sozialdemokraten sollen laut Gallup 30,7 Prozent erhalten (2007: 26,8). Vor allem Sigurdardottirs links-grünem Koalitionspartner soll mit 28,2 Prozent eine Stimmenverdopplung bevorstehen (2007: 14,3). Aber auch die konservative Unabhängigkeitspartei, die beim Höhepunkt der Krise in Umfragen völlig am Boden lag, soll sich laut einer Umfrage auf 23,3 Prozent erholt haben (2007: 36,6). Vor allem die konsequente Ablehnung eines EU-Beitritts soll für den Wiederaufstieg verantwortlich sein. Ganz im Gegensatz dazu wollen die Sozialdemokraten nach ihrem vorraussichtlichen Wahlsieg so schnell wie möglich EU-Beitrittsverhandlungen einleiten. Gerade ältere Isländer, wie der 62-jährige Taxifahrer Baldur in Reykjavik, sind allerdings unbeirrt gegen die EU. „Der isländische Fisch ist zu kostbar, um ihn mit so vielen anderen Ländern zu teilen“, sagt er und wählt deshalb die Selbstständigkeitspartei. Auch das Grüne Linksbündnis ist gegen einen Beitritt, kommt für bürgerliche Wähler aber nicht infrage.

Die Sozialdemokraten erhoffen sich von EU-Verhandlungen und der Aussicht auf den Euro eine schnelle Erholung der isländischen Krone durch zusätzliche Hilfen aus Brüssel. Während ein Euro im Januar 2008 noch 95 Kronen kostete, sind es heute 163. Das macht sich bei vielen Isländern gerade bei Bankkrediten in Auslandswährungen für Häuser und Autos als auch bei den bis zu 30 Prozent angestiegenen Preisen für die zum Großteil importierten Lebensmittel schmerzhaft bemerkbar.

Auch die Einwanderungspolitik war ein wichtiges Wahlkampfthema. Noch mitten im Bankenboom 2007 waren plötzlich zehn Prozent der Arbeitskräfte Gastarbeiter, zumeist aus Osteuropa. Schon damals, trotz des Reichtums und der Tatsache, dass die unqualifizierten Gastarbeiter nur unbeliebte Tätigkeiten in der Fisch- und Fleischindustrie oder auf dem Bau ausüben, war eine zunehmende Fremdenfeindlichkeit in der Bevölkerung spürbar. Nun haben auch viele der Gastarbeiter ihre Arbeit verloren. Entgegen ersten Annahmen blieben laut Arbeitsamt aber 14 000 der insgesamt 18 000 Gastarbeiter auf der Insel. Der Grund: Die Situation in ihren Heimatländern ist nicht besser. Und diejenigen, die mindestens ein Jahr Vollzeit gearbeitet haben, haben in Island drei Monate Anrecht auf 70 Prozent Arbeitslosengeld und danach monatlich pauschal 150 000 Kronen.

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