Politik : Partei-Chef Schäuble ist wieder mit sich im Reinen

Thomas Kröter

"Er ist wieder der Alte", beschreibt ein Vertrauter Wolfgang Schäubles die Stimmung des CDU-Vorsitzenden und setzt hinzu: "Er ist mit sich im Reinen." Das war nicht immer so in den vergangenen Tagen. Gehadert hat er - mit sich, mit anderen, hat keine Chance mehr gesehen, aus eigener Kraft und durch eigenes Tun die Lage seiner Partei zu verbessern. Seit dem doppelten "Big Bang" ist das anders: Mit seiner Rücktrittsdrohung hat Schäuble die Parteispitze hinter sich gebracht, Helmut Kohl mit seinem Abschied vom Ehrenvorsitz die Zahl der eigenen Anhänger nicht vergrößert. Das wurde auch in der Sitzung der CDU/CSU-Fraktion am Montagabend deutlich.

Der Nachfolger kämpft - nicht um das, was der Vorgänger seine Ehre nennt, sondern um die Zukunft seiner Partei. Auch um die eigene? Schäuble mag sein beredtes Schweigen auf die Frage, ob er im April noch ein Mal für den CDU-Vorsitz kandidiere, nicht als Andeutung eines Nein interpretiert wissen. Schon aus taktischen Gründen muss er die Frage offen halten, darf nicht zur "lame duck", zur lahmen Ente werden, mit der nicht mehr zu rechnen ist.

Wie weit aber noch mit ihm zu rechnen ist, hängt allerdings nicht nur von seinem Kampfesmut ab, sondern auch vom Wahlergebnis Volker Rühes in Schleswig-Holstein und von den weiteren Enthüllungen, mit denen jeder CDU-Politiker rechnet, den man in Berlin am Rande des Bundestages fragt.

Nahezu einstimmig sind Lob und Hochachtung für Schäubles "Opfer", aber auch die - stets unter dem Siegel der Verschwiegenheit gegebene - Antwort auf die Frage: Wird er nach dem April-Parteitag noch CDU-Vorsitzender sein? Sie lautet: Nein. Was er dann macht, hat er wohl wirklich noch nicht entschieden. Aber eins dürfte feststehen: Selbst wenn Schäuble sich aus der Parteispitze zurückzieht - den Fraktionsvorsitz wird er freiwillig nicht aufgeben. So sehen es wohl auch die Abgeordneten. Allerdings werden auch Alternativnamen genannt: Friedrich Merz, der eloquente Finanzexperte aus Nordrhein-Westfalen, und ein überraschender Name: Horst Seehofer. Wenn die CSU stärker in der Verantwortung wolle, heißt es, warum nicht auch in der gemeinsamen Fraktion?

Für die Partei ist die Liste der potenziellen Kandidaten geschmolzen. "Kohlianer" Jürgen Rüttgers gilt als out, ebenso der Hesse Roland Koch. Von Volker Rühe wird gesagt, mit einer "achtbaren Niederlage" könne er im Rennen bleiben, zugelegt haben an der Gerüchtebörse die Aktien von Christian Wulff. Angela Merkel gilt weiterhin als schwer vermittelbar - aber nicht ausgeschlossen, falls den in Frage kommenden Männern der Job zu risikoreich wäre. Dann aber könnte gleich Wolfgang Schäuble im Amt bleiben.

Doch so weit denken die meisten kaum. Der Horizont reicht bis zu den mit Bangen erwarteten Abendnachrichten des jeweiligen Tages und bis zum Wochenende. Hier ist inzwischen klar: Einen "Befreiungsschlag" bringt auch der ersehnte Bericht der Wirtschaftsprüfer nicht. Im Gegenteil. Für 1989 bis 1993 ist mit weiteren neun Millionen Mark "ungeklärter Herkunft" zu rechnen. Aber so tröstet sich Schäuble: Dann ist klar - er hat getan was er konnte, Kohl auch, aber nicht zum Wohl der Partei. An einem weiteren Schritt Richtung Glaubwürdigkeit wird gearbeitet.

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