Parteibeitritt : Grabenkämpfe in der Linken - Lucy Redler mittendrin

Lucy Redler könnte zur Ikone einer neuen, revolutionären Linken werden. Doch genau davor haben ihre Widersacher Angst – und die sitzen auch in den Reihen der Linken. Am Freitag soll die Landesschiedskommission eine Entscheidung darüber treffen, ob Lucy nun Mitglied der Linken sein darf oder nicht.

Marie Preuß,Nicole Scharfschwerdt
Lucy Redler Foto: Nicole Scharfschwerdt
Ganz vorsichtig. Lucy Redler im Interview. -Foto: Nicole Scharfschwerdt

BerlinWir treffen Lucy Redler mitten im West-Berliner Bezirk Kreuzberg. Hier, im alten Quartier der Hausbesetzerszene wollen wir mit der jungen Marxistin über ihre Zukunftsvisionen sprechen. Unweit des Mariannenplatzes, der einst von Rio Reiser in seinem legendären Rauch-Haus-Song besungen wurde, warten wir auf Lucy Redler. Auf dem Fahrrad kommt sie angebraust. Mit wehenden Haaren und den großen Kreolenohrringen, die zu ihrem Markenzeichen geworden sind. Hübsche Frau, denkt man. Mit der wird es bestimmt nett.

Aber so leicht ist es nicht, an die junge Politikerin heranzukommen. Sie ist vorsichtig. In den letzten Wochen gab es viel Gegenwind, vor allem aus der Partei, in der Lucy Redler Mitglied sein möchte: der Linken.

Von höchster Ebene gibt es Einspruch gegen die Parteimitgliedschaft der Frau, die die Linke noch vor zwei Jahren massiv bekämpft hat. Am Freitag soll die Landesschiedskommission über eine Beschwerde von Partei-Vize Klaus Ernst und Mitbegründer der Wahlalternative Arbeit und Soziale Gerechtigkeit (WASG) Thomas Händel entscheiden. Nach Ansicht Redlers ist das ein Jahr vor der Bundestagswahl als Signal zu verstehen, um deutlich zu machen: "Wir machen die Partei nach links dicht."

Vorbild Malcolm X

Lucy Redler will die Linke verändern. Eine Massenpartei soll sie werden - mit einem starken marxistischen Flügel, eine Partei "wo Menschen aus unterschiedlichen Bewegungen aber auch unterschiedlichen politischen Gruppen zusammen kommen können."

Schon früh war die 29-Jährige politisch aktiv. Als Anfang der 90er in Deutschland Asylbewerberwohnheime brannten, begann sie, sich mit Politik auseinanderzusetzen: "Schwer beschäftigt hat uns damals, dass Mitschüler aus der Parallelklasse plötzlich zu Mitläufern der Fascho-Szene wurden. Wir haben uns gefragt, was die sozialen Ursachen sind, die zu Perspektivlosigkeit von Jugendlichen und zu einem Anwachsen der Nazis führen und uns an Leuten wie Malcolm X orientiert, der gesagt hat, es gibt keinen Kapitalismus ohne Rassismus." Rechtsextremismus und Systemkritik – das waren für sie die entscheidenden Themen. Seitdem hat sie sich in zahlreichen politischen Gruppierungen engagiert, vor kurzem ist sie der Berliner Linken beigetreten.

Mit diesem Schritt hat die "rote Lucy" für Verwunderung gesorgt. Immerhin war sie es, die vor gut zwei Jahren vehement für einen eigenständigen Wahlantritt der WASG bei den Wahlen zum Berliner Abgeordnetenhaus eintrat und sich gegen die Fusion mit der PDS aussprach.

Der eigene Verein blieb bedeutungslos

Ihr eigentliches Vorhaben, die Linke von außen unter Druck zu setzen, ist fehlgeschlagen. Nach dem Zusammenschluss von WASG und PDS gründete sie in Berlin ihren eigenen Verein, um ihre und die Ideen ihrer Mitstreiter in die politische Diskussion zu tragen: die Berliner Alternative für Solidarität und Gegenwehr (BASG). Er ist bedeutungslos geblieben. Das räumt sie selbst ein: "Wir haben daraus die Bilanz gezogen und haben uns jetzt entschlossen, einen aktiven Beitrag zum Aufbau einer innerparteilichen marxistischen Opposition zu leisten."

In ihrer Linie ist sich Lucy durchaus treu geblieben. Ihre Kritik ist die gleiche wie vor zwei Jahren: Die Linke in Berlin habe Wohnungen privatisiert, die Lehrmittelfreiheit abgeschafft, schlechte Lohnabschlüsse im Öffentlichen Dienst durchgesetzt und zwinge Hartz-IV-Empfänger in Ein-Euro-Jobs. "Den eigenständigen Wahlantritt der WASG vor zwei Jahren finde ich nach wie vor richtig", erklärt sie.

Aber was bringt sie jetzt dazu, Mitglied bei genau jener Partei zu werden, die sie so stark kritisierte? Den Unterschied macht für sie die Bundespartei. "Die Linke ist seit dem starken Rechtsruck der SPD die erste bundesweite Partei, die Hoffnungsträger ist. Nicht nur für Linke und Sozialisten sondern auch für Menschen, die sich ganz neu politisch interessieren und aktiv werden wollen", erklärt sie.

Nur die Spielregeln ändern? Zu wenig für Lucy Redler

Lucy Redler bezeichnet sich selbst als Trotzkistin, manchmal auch als Marxistin – mit dem Begriff des Trotzkismus könnten viele nichts anfangen, erklärt sie entschuldigend die begriffliche Verwirrung. Trotzki, das war der Mann, der glaubte, Sozialismus könne nur international funktionieren und sich dafür einsetzte, den Kapitalismus weltweit abzuschaffen.

Nur "ein wenig was an den Spielregeln ändern", das reicht Lucy nicht. "Ich glaube, dass sich jede Partei entscheiden muss, auf welcher Seite der Klassengesellschaft im Kapitalismus sie steht." Arbeitszeiten von 30 Stunden mit vollem Lohn- und Personalausgleich, das wäre ein Anfang. Außerdem schlägt sie ein Investitionsprogramm in Höhe von 40 Milliarden vor, mit dem eine Million Arbeitsplätze im öffentlichen Dienst geschaffen werden könnten.

Und die Umsetzung? "Ich gehe nicht davon aus, dass Angela Merkel die Unternehmen dazu zwingen wird. Aber die Frage ist doch, ob die Gewerkschaften mit der Partei Die Linke und anderen sozialen Bewegungen entsprechenden Druck beispielsweise durch die Organisierung einer bundesweiten Demo als ersten Schritt aufbauen können. Aus meiner Sicht gäbe es dafür ein hohes Potential", sagt sie.

Schuld ist nur die SPD

Redlers Forderungen könnten tatsächlich von der Linken kommen. Immerhin heißt es in den Positionen der Partei: "Die herrschende Politik, die Leistungskürzung, Ausweitung des Niedriglohnsektors und Druck auf Erwerbslose kombiniert, lehnen wir entschieden ab." Doch warum bleibt von all den Ideen der Linken nur noch so wenig übrig, wenn die Partei wie in Berlin mitregiert? Schuld – laut Lucy Redler – ist nur die SPD: "Aus meiner Sicht verändert sich nicht die SPD in diesen Regierungen nach links, sondern die Linke geht Schritte nach rechts. Man muss sich doch fragen, ob man mit der neoliberalen SPD irgendetwas umsetzen kann."

Kritik an der Linken als Bundespartei – das hört man von ihr kaum. Den Vorwurf, ohne Parteiprogramm seien die inhaltlichen Konzepte der Linken noch äußerst diffus, lässt Lucy Redler nicht gelten und beruft sich auf die bestehenden Eckpunkte. Ob sie die Politik der Linken beschönigt oder nur auf einen fahrenden Zug aufspringt, der gerade ins Rollen gekommen ist, ist schwer zu sagen. Sie braucht die Linke als Plattform - und als Sprachrohr, um ihre Ideen zu verbreiten. "Es ist ein Unterschied, ob da jemand mit einem Megafon steht und fordert: 'Für einen Mindestlohn von dem man auch leben kann!' oder ob das Oskar Lafontaine formuliert." Das würde eine ganz andere Massenwirkung entfalten und dadurch auch die anderen bürgerlichen Parteien unter Druck setzen, so hofft sie.

Über ihr persönliches Verhältnis zu Oskar Lafontaine und Gregor Gysi will sie sich lieber nicht äußern. Stattdessen nimmt sie die Parteifunktionäre in die Pflicht: "Ich wäre dafür, dass die Linke die Gehälter, die sie im Parlament bezieht, auf einen Lohnausfall eines durchschnittlichen Facharbeiters reduziert."

"Spieler, die auf das eigene Tor schießen"

Solche Forderungen kommen beim Wählervolk gut an. Und auch aus der Linken gab es eine Menge Zuspruch, als Lucy Redler ihren Parteieintritt bekannt gab. Eingeschnappt ist aber noch immer Partei-Vize Klaus Ernst über ihr Mitgliedsgesuch: "Eine Fußballmannschaft wäre schlecht beraten, Spieler in die Mannschaft zu nehmen, die vorher ankündigen, nur auf das eigene Tor zu schießen." Lucy aber gibt sich gelassen: "Wenn man den Einspruch ernst nimmt, dann würde das eigentlich bedeuten, dass man jetzt Hunderte und Tausende aus der Partei ausschließen müsste. Es geht nicht nur um mich oder um SAVler. Sondern um die Frage, ob hier ein Exempel statuiert wird und auch anderen Marxisten oder Anti-Kapitalisten der Zutritt in die Partei verwehrt wird oder es zu Auschlüssen kommt."

Lucy Redler glaubt nicht, dass die Argumentation der Parteispitze gegen sie und ihre Mitstreiter durchzuhalten sein wird. Spätestens die Bundesschiedskommission werde in ihrem Sinne entscheiden. Da ist sie sich sicher. "Das ist eine politische Auseinandersetzung und keine, die man mit administrativen Maßnahmen lösen kann."

So sieht sie das. Und wenn man sie so beobachtet, dann hat man den Eindruck, dass ihr so schnell keiner etwas verbieten kann. Ihr Milchkaffee ist leer, Lucy steigt auf ihr Fahrrad und fährt davon. Heute scheint die Sonne über Berlin. Kein Gegenwind.

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