Parteien : An die Spitze geschrumpft

Immer weniger Bundesbürger sind aktiv in einer der großen Volksparteien engagiert. Aber da die CDU weniger Mitglieder verloren hat als die SPD, ist sie nun erstmals die stärkste Partei in Deutschland.

Cordula Eubel,Stephan Haselberger
Pofalla
Die CDU ist Deutschlands Volkspartei Nummer eins: Voller Stolz präsentierte CDU-Generalsekretär Ronald Pofalla am Montag die...Foto: ddp

Berlin - Die CDU hat erstmals in ihrer Geschichte mehr Mitglieder als die SPD. Allerdings sind die beiden großen Volksparteien im vergangenen Jahr weiter geschrumpft, bei der CDU geht dieser Prozess nur etwas langsamer voran. Trotz der Mitgliederverluste sprach CDU-Generalsekretär Ronald Pofalla von einem „historischen Tag“ für seine Partei. Die CDU habe nicht nur die „eklatante Schwäche der SPD“ ausnutzen können, sondern eigene Kraft bewiesen, sagte Pofalla.

Ende Juni hatte die CDU nach Angaben des Generalsekretärs 530 755 Mitglieder, während die SPD zum gleichen Zeitpunkt auf 529 944 Genossen kam, also knapp 800 Parteimitglieder weniger hatte. Doch per Saldo verliert auch die CDU mehr Mitglieder, als sie neue hinzugewinnen kann. Pofalla räumte ein, es gebe die Tendenz, dass die Bindefähigkeit der Parteien nachlasse. In den vergangenen Jahrzehnten haben beide Volksparteien enorme Verluste zu verbuchen: Die CDU hatte ihr Rekordergebnis kurz nach dem Mauerfall mit damals 750 000 Mitgliedern. Die SPD erreichte die maximale Mitgliederzahl 1976 mit 1,02 Millionen Genossen.

Seit Anfang 2007 sind nach Angaben von CDU-Generalsekretär Pofalla gut 24 000 Menschen neu in die CDU eingetreten. Doch weil im gleichen Zeitraum 47 170 Menschen die Partei verließen (davon 11 430 Sterbefälle und 35 700 Austritte), hat die Partei unter dem Strich 23 141 Mitglieder verloren. Als Gründe für den Austritt nannte Pofalla politische Differenzen, aber auch finanzielle Gründe. Der CDU-Generalsekretär kündigte an, die 2006 gestartete Mitgliederwerbung seiner Partei weiter zu verstärken, damit die CDU im kommenden Jahr erstmals wieder wachsen könne. Eine Trendumkehr sei „machbar“, sagte Pofalla. In zwei der ersten sechs Monate des Jahres habe es mehr Eintritte als Austritte gegeben.

Aktuell hat die CDU die Sozialdemokraten bei der Zahl der Mitglieder in 11 von 16 Bundesländern überrundet. Nur in Berlin, Bremen, Hamburg, Hessen und im Saarland haben mehr Menschen ein SPD- Parteibuch als eines der CDU. Pofalla verwies etwa darauf, dass sich in seinem Heimatland Nordrhein-Westfalen, früher Stammland der SPD, die Verhältnisse gedreht hätten. Während die SPD dort nur noch auf 142 038 Genossen komme, habe die CDU in NRW inzwischen 164 494 Mitglieder. Dies sei auch auf die „Substanzverluste“ der SPD im Ruhrgebiet in den vergangenen Jahren zurückzuführen. Tatsächlich hat die SPD seit dem 30. Juni 2006 in ihrem Stammland mehr als 15 000 Mitglieder verloren.

Der linke SPD-Flügel führt den Mitgliederschwund im Bundesgebiet auf Versäumnisse der gesamten SPD zurück. Sein Wortführer Björn Böhning sagte dem Tagesspiegel, die SPD habe die Mitgliedergewinnung als „primäre Aufgabe der Arbeit vor Ort vernachlässigt“. In Zukunft müsse sich die Partei wieder stärker um die Probleme und Belange der Menschen vor Ort kümmern, fügte das SPD-Vorstandsmitglied hinzu. Nach Ansicht des Sprechers des rechten Seeheimer-Kreises der SPD, Johannes Kahrs, sind die Mitgliederverluste seiner Partei zum Teil hausgemacht. So wirke sich aus, dass die SPD die Frage der Kanzlerkandidatur noch nicht geklärt habe, sagte er im Südwestrundfunk. Die Sozialdemokraten steckten zudem in einer strategischen Klemme. Auf der einen Seite stehe die CDU mit teils unfinanzierbaren Vorschlägen, auf der anderen Seite die Linkspartei, die immer etwas mehr anbiete als die SPD. Die nordrhein-westfälische SPD-Landesvorsitzende Hannelore Kraft bezeichnete die Mitgliederverluste der Parteien als „ein grundlegendes Problem der gesamten Gesellschaft“. Die Politik müsse den Bürgern noch stärker deutlich machen, dass Mitmachen sich lohne, sagte sie dem Tagesspiegel.

Im Gegensatz zu den Volksparteien gewinnen die drei Oppositionsparteien im Bundestag unter dem Strich neue Mitglieder hinzu: Die FDP hat derzeit nach eigenen Angaben rund 65 100 Mitglieder, das sind etwa 1000 mehr als zum Jahresbeginn. Die Linke hat nach Angaben von Bundesgeschäftsführer Dietmar Bartsch seit Ende 2007 rund 2200 Mitglieder hinzugewonnen und kommt damit auf insgesamt 74 200 Mitglieder. Sie verbuchte vor allem Zuwächse im Westen. Bei den Grünen engagierten sich Ende Juni 44 700 Menschen, das sind 380 mehr als Ende 2007.

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