Parteienforscher : Volkspartei oder Klientelpartei

Joachim Raschke
Joachim RaschkeFoto: imago stock&people

Die Grünen sind derzeit nicht nur für verunsicherte SPD-Anhänger attraktiv. „Rund 1,5 Millionen Wähler sind von der SPD zu den Grünen gewandert, 700 00 kommen von der Union“, sagt der Hamburger Parteienforscher Joachim Raschke, Autor mehrerer Standardwerke über die Grünen. Raschke hat das aktuelle Datenmaterial der Meinungsforschungsinstitute analysiert. Die Linkspartei verliert demnach etwa 300 000 Stimmen an die Grünen, die FDP so gut wie keine. Viele SPD-Wähler wenden sich nach Meinung Raschkes den Grünen zu, weil die „Richtungs- und Führungsfrage“ bei den Sozialdemokraten noch nicht geklärt sei: „Das Profil wird nicht hinreichend deutlich, deshalb kann die SPD einen Teil ihrer Anhängerschaft nicht überzeugen.“ So lange die Kanzlerkandidatenfrage offen und die politische Ausrichtung in den Augen vieler Wähler unscharf bleibe, werde sich daran auch wenig ändern. Die einstigen Wähler der CDU zieht es aus den gegenteiligen Gründen zu den Grünen. Hier macht sich vor allem der Strategiewechsel von Bundeskanzlerin Angela Merkel bemerkbar. Bis in den Sommer dieses Jahres hinein setzte die CDU-Vorsitzende darauf, möglichst viele neue Wähler aus der Mitte zu gewinnen und möglichst wenige in die Arme von SPD oder Grünen zu treiben. Diese Politik der Unschärfe ließ das Profil der Union verschwimmen und machte die Partei deshalb für Wähler der Mitte attraktiv. Damit ist es seit den Beschlüssen der Koalition zur Laufzeitverlängerung von Akw und zu den Regelsätzen von Hartz IV vorbei. „Merkels Mitte-Strategie ist gescheitert“, urteilt Raschke. Dass frühere CDU-Wähler, abgeschreckt von Merkels neuer Klarheit, nun zu den Grünen wechseln, führt Raschke auch darauf zurück, dass die Ökopartei eine wichtige Hemmschwelle abgebaut habe. „Die Eigenleistung der Grünen besteht darin, Wirtschaftskompetenz in ihr Image eingearbeitet zu haben. Das macht sie für die bürgerliche Mitte wählbar.“ Das Wort von den Grünen als neuer Volkspartei hält Raschke für Unsinn. Sie seien „die Partei einer kritischen Bildungselite, sie vertreten das postmaterialistische engagierte Bürgertum“, sagt er. Trotz ihrer „schmalen sozialen Basis“ orientiere sich ihre Politik aber an den Gesamtinteressen der Gesellschaft. Sie seien deshalb anders als FDP und Linkspartei keine „Segmentpartei“, die sich auf die Interessen einer bestimmten Klientel beschränke. Dagegen hält Manfred Güllner, Chef des Meinungsforschungsinstituts Forsa, die Grünen sehr wohl für „eine Klientelpartei, eine Oberschichtenpartei, eine Partei des öffentlichen Dienstes“, die von „unteren sozialen Schichten“ nicht gewählt werde. Da es den Grünen nicht gelinge, heterogene Gruppen zusammenzubinden, werde aus ihnen „nie eine Volkspartei“, prophezeit Güllner. has/hmt

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