• Parteispendenausschuss: Eine verhängnisvolle Affäre: Angela Merkel wollte Helmut Kohl integrieren - jetzt integriert Kohl Merkel (Kommentar)

Politik : Parteispendenausschuss: Eine verhängnisvolle Affäre: Angela Merkel wollte Helmut Kohl integrieren - jetzt integriert Kohl Merkel (Kommentar)

Bernd Ulrich

Dreimal hat die CDU in letzter Zeit das Interesse auf sich gezogen. Einmal, als sie eine schwere Niederlage bei der Steuerreform erlitt. Dann, als sie sich wochenlang darüber stritt, ob Helmut Kohl bei Kurt Biedenkopfs Einheitsfeier auftreten soll. Und gestern drehte sich dann die fast vergessen geglaubte Spendenaffäre noch etwas weiter: Helmut Kohl soll nicht nur der Herr über die schwarzen Kassen gewesen sein, sondern sogar ihr Erfinder, so behauptet die "Süddeutsche Zeitung".

Das alles sind für die Union, vorsichtig gesprochen, Nachrichten mit geringem Werbewert. Und, was noch schlimmer ist: Es sind die einzigen. Keine inhaltliche Offensive, keine Initiativen von Belang, kein politischer Streit, der einer ausführlicheren Erwähnung für Wert befunden wurde. Es gibt zurzeit nur zwei Sorten von Nachrichten aus dem Unionslager: Neues über die Schwierigkeiten von Angela Merkel und Friedrich Merz sowie: Neues von Helmut Kohl.

Und unabhängig davon, ob man die Unterscheidung zwischen "Herr" der schwarzen Kassen und "Erfinder" der schwarzen Kassen moralisch und politisch für besonders erheblich hält - man merkt an derlei Berichten jedenfalls, dass die Spendenaffäre längst nicht vorbei ist. Noch für längere Zeit wird aus dem Kohlschen Spendensumpf immer mal wieder eine Giftblase nach oben steigen. Wer also geglaubt hatte, Kohl sei in die Mitte der Partei zurückgekehrt und habe die Affäre hinter sich, der hat sich getäuscht. Kohl ist zwar in die Mitte der Partei zurückgekehrt - und das, ohne auch nur ein einziges Mal das Haupt gebeugt, ohne auch nur einen einzigen Spendernamen genannt zu haben. Aber diese Rückkehr rehabilitiert nicht ihn, sie beruhigt auch die Partei nur kurz und und nach außen diskreditiert sie sie sogar.

Nicht weil Kohl noch so wichtig wäre oder die Bürger vor Aufregung über die Spendenaffäre nachts nicht schlafen könnten, gelang es ihm, sich wieder in der Mitte der CDU auszubreiten, sondern wegen des Vakuums: Nichts war in dieser Mitte, keine dominierende Persönlichkeit, kein echtes Thema und keine Machtperspektive. Nun ist er da - als Denkmal vergangener Erfolge und als Mahnmal einer immer noch nicht überwundenen Affäre.

Wie konnte Angela Merkel das zulassen, so könnte man fragen. Wie hätte ich es verhindern können, so könnte sie zurückfragen. Ihr Ziel war es, Kohl wieder in die CDU zu integrieren, als Identitätsfigur im Guten und als uneinsichtigen Spendenverschweiger im Schlechten - auf jeden Fall aber am Rand, am Schmutzrand, am Goldrand.

Doch Helmut Kohl lässt sich so nicht integrieren. Er denkt nicht mehr an das Interesse der CDU, an ihre Freiheit, neu und anders und überhaupt wieder richtig Politik zu machen. Er denkt an sich und seine Verletzungen, er sucht Satisfaktion, Schulterklopfen, Nähe. Und Rache, versteht sich. Der Ex-Kanzler fühlt sich von denen da draußen, den Medien, den Sozen und den Staatsanwälten, verfolgt. Aber auch von Merkel, Merz und Schäuble verraten. Und wie jeder, der von seinem Opfersein erfüllt ist, ist sein Verhalten maßlos. Die Rolle, die Merkel ihm zugedacht hatte, hätte Distanz verlangt, Disziplin, Zurückhaltung, Selbstkritik und nicht dieses: Ich-bin-wieder-da-Gehabe, nicht dieses Jetzt-wird-alles-wieder-gut-Gefühl.

Eine große Stärke hat Angela Merkel, eine, die auch Helmut Kohl zugeschrieben wird: Sie kann warten. Was kann sie in dieser Lage mit ihrer stärksten Waffe tun? Sie kann versuchen, die Nerven zu behalten, darauf setzten, dass nach dem 3. Oktober der Rummel um Helmut Kohl nachlässt, und darauf, dass neue Enthüllungen über die Affäre ausbleiben. Dieses Warten kann gefährlich werden.

Angela Merkel hat angekündigt, sie wolle die Zügel in der CDU künftig mehr anziehen. Man kann daran zweifeln, dass sie weiß, wohin sie reiten will. Man muss sogar zweifeln, ob sie überhaupt ein Pferd hat.

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