Parteitag : Demokraten endlich vereint hinter Obama

Bill Clinton und Joe Biden vereinen die Demokraten in ihren Reden voll rhetorischer Feuerwerke zu einer großen Familie. Christoph von Marschall war bei der offiziellen Nominierung des ersten schwarzen Präsidentschaftskandidaten dabei.

Christoph von Marschall
Obama Biden
Obama ließ sich mit Vize Joe Biden (links) als neues Führungsduo feiern. Zuvor hatten Hillary und Bill Clinton die Demokraten zu...Foto: AFP

DenverBarack Obama kann auf den einmütigen Rückhalt seiner Partei zählen, wenn er heute Abend vor 76.000 Zuschauern im Sportstadion von Denver die Nominierung als Präsidentschaftskandidat der Demokraten annimmt. Am dritten Tag ihres Treffens setzte die Partei das Einigungswerk fort, das Hillary Clinton am Abend zuvor mit einem bewegenden Auftritt eingeleitet hatte. Die prominentesten Persönlichkeiten erklärten am Mittwoch ihre Unterstützung für den 47-jährigen Afroamerikaner und peitschten die Delegierten gegen den Republikaner John McCain auf: Ex-Präsident Bill Clinton, gefolgt von John Kerry, dem Kandidaten von 2004, und zum Abschluss Vizepräsidentschaftskandidat Joe Biden.

Als Überraschungsgast trat dann auch noch Obama persönlich auf und ließ sich mit Biden als neues Führungsduo inmitten aller vier Generationen des vielköpfigen Biden-Clans feiern. Die Demokraten schienen sich am Ende des Abends als eine große, wiedervereinte Familie zu fühlen. Zwei Tage zuvor war noch das Gespenst einer drohenden Spaltung der Partei in unversöhnliche Obama- und Clinton-Anhänger umgegangen. Mehrfach brachen sich die aufgestaute Spannung und die Erleichterung über den Stimmungsumschwung in minutenlangem, fast ekstatischem Beifall Bahn.

Die Wende leitete auch am Mittwoch Hillary Clinton ein. Am frühen Nachmittag hatte die Abstimmung über den gewünschten Präsidentschaftskandidaten begonnen. In normalen Jahren ist das ein ausgiebiges Zeremoniell zur besten Fernsehzeit, mit dem sich die Delegierten der 50 Einzelstaaten nach und nach hinter den siegreichen Bewerber stellen und so Einigkeit demonstrieren. 2008 jedoch war der so genannte "roll call" gefürchtet - aus Sorge, er werde zu einem Bild der Zerstrittenheit führen, wenn zu viele Delegierte aus Loyalität für Hillary stimmen.

Doch wie von einer unsichtbaren Hand dirigiert, entwickelte die fortschreitende Abstimmung ihre Eigendynamik. Sie verband die formale Entscheidungsfreiheit der Delegierten mit dem Bedürfnis nach einem einheitlichen Votum. In alphabetischer Reihenfolge begannen die Staaten zu erklären, wie viele ihrer Delegierten für Clinton und wie viele für Obama stimmen - stets verbunden mit einer regionalpatriotischen Erklärung über die besondere Bedeutung dieses Staates.

Bei Minnesota klang das, zum Beispiel, so: "Minnesota, der Staat mit der traditionell höchsten Wahlbeteiligung, gibt voll Stolz acht Stimmen für Senator Clinton ab und 78 für den nächsten Präsidenten der Vereinigten Staaten, Barack Obama!"

Bei "N" wie New Hampshire begann die Wende: dem ersten Staat, wo Hillary in der Vorwahl gesiegt hatte, nachdem sie zum Auftakt in Iowa unterlegen war - und zugleich dem ersten US-Staat, den überhaupt jemals eine Frau gewonnen hat, wie der Sprecher hervorhob "Im Geist des Aufrufs von Senator Clinton zur Einheit geben wir alle unsere 30 Delegiertenstimmen für den nächsten Präsidenten, Barack Obama." Auch New Jersey erklärte sich einstimmig für Obama. New Mexiko zeigte sich noch generöser. Sein Sprecher erklärte, Obamas Heimatstaat Illinois dürfe über die 38 Delegierten verfügen. Illinois Sprecher reichte - noch symbolischer - diese Entscheidungsmacht an New York weiter, den Heimatstaat Hillary Clintons. Der verfügte damit über 282 Delegiertenstimmen. Es stand nun 1549 zu 231 für Obama - und rund 2150 Stimmen waren für die Nominierung nötig. Da griff Hillary Clinton ein und stellte den Antrag, den " roll call" abzubrechen und Barack Obama durch Akklamation "einstimmig zum Kandidaten zu erklären". Ein vielstimmiges "Ja" füllte die Arena, die Frage nach eventuellen Nein-Stimmen wurde von einem langen Tusch der Kapelle übertönt. Die Delegierten lagen sich in den Armen, das Zerwürfnis war abgewendet.

Zwei Stunden später krönte Bill Clinton den Harmoniedrang - auch er kam erstmal kaum zu Wort, so ausgiebig feierte der Parteitag den bislang letzten demokratischen Präsidenten mit "Bill, Bill, Bill"-Sprechchören und ausgiebigem Applaus. Man wisse ja, er habe jemand anders favorisiert, begann Clinton, ohne seine Frau Hillary beim Namen zu nennen. "Aber meine Kandidatin hat nicht gewonnen. Deshalb bin ich heute Abend hier, um meine Unterstützung für Barack Obama zu erklären." Obama habe alle nötigen Fähigkeiten und sei auch ausreichend vorbereitet, um das Land zu führen. Mit viel Humor, einprägsamen Formulierungen und Wortspielen illustrierte Bill sein Talent als Redner. "Hillary hat sich gestern hinter Barack gestellt, da sind wir also schon mindestens zu zweit", leitete er zur Aufforderung über, dass doch, bitte, alle 18 Millionen, die für Hillary in den Vorwahlen gestimmt hatten, jetzt Obama wählen sollten. Die USA könnten sich weitere Jahre unter den Republikanern nicht leisten. Amerika müsse mit "the power of our example" führen statt mit "example of our power" - mit der Kraft unseres Vorbilds statt der Demonstration unserer Macht.

Auf die "Yes, we can"-Sprechchöre aus der Arena antwortete Bill: "Klar kann er. Aber dafür müssen wir ihn erstmal zum Präsidenten wählen!"
John Kerry und Joe Biden zündeten ähnliche rhetorische Feuerwerke.

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