Parteitag der Liberalen : Die FDP feiert ihre Wiedergeburt

Vor zwei Jahren war an diesem Ort die Stunde Null für die FDP. Nun verleihen die Erfolge in Hamburg und Bremen der Partei neues Selbstbewusstsein. Und Liberalen-Chef Christian Lindner wurde auf dem Parteitag mit einem beachtlichen Wahlergebnis als Vorsitzender bestätigt.

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German Mut. Parteichef Christian Lindner auf dem Parteitag.
German Mut. Parteichef Christian Lindner auf dem Parteitag.Foto: dpa

Der Kinkel kommt wie üblich früh. „Hellt sich ja bisschen auf“, sagt er. Das meint nicht das Wetter. Klaus Kinkel war vor langer Zeit einmal FDP-Vorsitzender; keine richtig gute Zeit für ihn, aber nichts im Vergleich zu dem, was sein Nachfolger seither durchgemacht hat. Als sich die FDP im Dezember 2013 in einer ehemaligen Eisenbahnhalle am Gleisdreieck traf, war sie klinisch tot und Christian Lindner nicht ganz sicher, ob er als Sanitäter antrat oder als Nachlassverwalter. „Das war unsere Stunde null“, wird Lindner später sagen. Aber nach zwei Jahren in der gleichen Halle – nun, es hellt sich auf.

Wahrscheinlich ist niemand darüber mehr verblüfft als die FDP selbst. Der Wahlerfolg in Hamburg stand nicht auf dem Plan der Parteispitze, der Erfolg in Bremen erst recht nicht. Dass parallel dazu die AfD im Streit versinkt, hätten sie im Thomas-Dehler-Haus nicht zu träumen gewagt. Mehr als träumen trauen sie sich denn auch noch nicht. Aber als Wolfgang Kubicki das Gewusel in der Halle zum pünktlichen Beginn ermahnt – „Hallo Freunde, es soll losgehen!“ –, da erntet er spontanen Beifall. Der „German Mut“, der als Motto knallig schwarz-magenta-gelb an der Wand prangt, macht sich gleich freudig murmelnd breit.

Das funktioniert natürlich besonders gut im Kontrast zur Stunde null. Kubicki zitiert höhnisch die Pressekommentare, die der FDP nach dem Aus in der Bundestagswahl den Untergang bescheinigten. Lindner erinnert an die Zeiten, als den Freien Demokraten nichts mehr blieb als „das Mitleid der Wohlmeinenden und der Spott unserer Gegner“. Der ist leiser geworden. Aber der Parteivorsitzende weiß, dass es viel zu früh wäre, die Krise für beendet zu erklären. „Wir haben Mut, ohne übermütig zu sein“, sagt er. „Eine erste Stabilität ist erreicht, nicht mehr, aber auch nicht weniger.“

Dabei halten sich Lindner und seine Mitstreiter zugute, dass sie den Laden organisatorisch zusammengehalten und allen Versuchungen zum Kursschwenk widerstanden haben. „Da wurde erwartet, dass wir schrill und extrem werden“, sagt der Parteichef. „Das haben wir anderen überlassen.“ Diese anderen sind früher in FDP-Reden gar nicht erst vorgekommen. Aber seit sich die AfD-Spitze vor aller Augen eine Schlammschlacht liefert, erscheint sie als Gegner tauglich.

Lindner fällt sogar der böse Satz ein, die Alternative wolle sich künftig „nach dem Führerprinzip organisieren“. Später bereut er ihn, aber nur ein bisschen. Man muss dazu wissen, dass sich Lindner immer mal wieder gegen Ratschläge wehren musste, die FDP zum Sammelbecken für Populisten zu machen. Er ist dieser Konjunktur nicht gefolgt. „Wir sind nicht einen Zentimeter den Eurohassern nachgelaufen“, betont Lindner. Der Satz bleibt ohne Gegenrede, vielleicht auch, weil der Parteichef zugleich verkündet, besser sei ein Euro ohne Griechenland als Griechenlands Verbleib in der Währungsunion „unter falschen Bedingungen“. Jedenfalls verteufelt der Eurokritiker Frank Scheffler statt des Euro zur Abwechslung die Energiewende. Das trägt ihm aber auch nur mageren Applaus ein.

Schuld daran ist wohl ein Wort, das auffällig oft fällt: „gemeinsam“. Lindner preist den Teamgeist der letzten Monate. Jeden einzelnen seiner Mitstreiter spricht er namentlich an, vom Schatzmeister Hermann Otto Solms bis zum baden-württembergischen Landeschef Michael Theurer. Der Parteichef braucht dieses „Gemeinsam“ nicht nur für seine Wiederwahl. Am frühen Abend wird der 36-Jährige mit dem beachtlichen Ergebnis von 92,4 Prozent in seinem Amt bestätigt. Im Dezember 2013 hatte er nur 79 Prozent der Stimmen erhalten.

Mit einer weiteren Entscheidung stärkt die Partei ihrem Vorsitzenden den Rücken. Die Delegierten stimmen mit der nötigen Zweidrittelmehrheit dafür, dass die verschuldete Bundespartei eine Finanzspritze von den Kreisverbänden bekommt - ein Novum in der Geschichte der FDP. Bis 2017 überweisen die Kreisverbände je Parteimitglied jährlich 25 Euro in einen Solidarfonds. Mehr als vier Millionen Euro sollen damit zusammenkommen. Damit will die 55 000 Mitglieder zählende Partei ihre Schlagkraft bei kommenden Wahlkämpfen erhöhen.

Lindner spricht denn auch von einer „Zäsur“ und der wichtigsten internen Entscheidung vor der Bundestagswahl 2017. In normalen Zeiten wäre an eine Zwei-Drittel-Mehrheit für solch ein Projekt gar nicht zu denken gewesen. Aber normal sind die Zeiten für die FDP noch auf länger nicht.

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