Politik : Parteitag der US-Demokraten: Das letzte Hurra des Bill Clinton

Robert von Rimscha

Walter Mondale, Jimmy Carters Vizepräsident, meinte: "Dies wird die schwierigste Rede seiner Laufbahn." Schwierig? Nach acht Jahren Erfolg? Als gäbe es nichts zu feiern? Man brauchte doch nur den "Testimonials" zuzuhören, den mit Musik unterlegten Video-Botschaften von Clinton-Gewinnlern. Nancy Santana, die in Philadelphia von Sozialhilfe lebte - und heute Unternehmerin ist. Die Abgeordnete, die Nancy Santana vorstellte, selbst eine ehemalige Sozialhilfe-Mutter - und die Einzige, die es in den Kongress geschafft hat.

Und, und, und. Die niedrige Arbeitslosigkeit. Kriminalität, Teenager-Schwangerschaften, Inflation - alle auf Minus-Rekord. Neun Jahre Wirtschaftswachstum. 22 Millionen neue Arbeitsplätze, die meisten zu überdurchschnittlichen Löhnen. Etatüberschüsse statt Defizite. Und, und, und. Die Triumphe und Bestleistungen sind so endlos, dass sie im Sekundentakt eingeblendet werden mussten, während Clinton die langen Gänge des "Staples"-Centers durchschritt, um endlich zu schier endlosem Jubel die Bühne zu erklimmen.

Warum sollte Clintons letztes Hurra da schwierig sein? Weil es in Amerika ein Clinton-Schisma gibt. 68 Prozent finden den Scheidenden als Präsidenten toll, 72 Prozent finden ihn als Menschen übel. Deshalb durfte er bei seiner Abschiedsvorstellung zwar reichlich Eigenlob streuen, er musste aber klarmachen, warum Amerika am besten dran wäre, wenn das Land ihn selbst durch seinen Vize ersetzt.

In seinem Redetext musste er also deutlich machen, dass Gore einen starken Anteil an den Clinton-Jahren hatte, aber nicht an den Clinton-Skandalen, also an dem, was der New Yorker Abgeordnete Charles Wrangel "eine kleine Warze" nennt. Er durfte nicht zu übermächtig wirken, damit diese Convention nicht eine tränenreiche Abschiedsparty für ihn, sondern eine triumphale Inthronisierung für Al Gore wird. Ach ja, und für Hillary. Bill soll gehen, Al und Hillary sollen bleiben. Kann er das, verzichten statt kämpfen?

Erst kam Hillary mit einem lahmen Auftritt. Sie rede nicht als First Lady, behauptete sie, und dazu lief eine Instrumental-Version von "New York, New York". Doch sie sprach direkt vor dem Präsidenten, eine gute Stunde nach jenen demokratischen Frauen, die schon geschafft haben, was sie anstrebt: in den Senat gewählt zu werden. Natürlich sprach sie als First Lady, als die Frau, die zigmal ihren Mann gerettet hat.

Die Kandidatin pries das neue Adoptionsrecht, reklamierte den von Bush annektierten Schlachtruf: "Lasst kein Kind zurück!" und präsentierte klassische Forderungen der Demokraten wie höhere Mindestlöhne und besseren Krankenversicherungsschutz. Chuck Schumer, demokratischer Senator für New York, hatte Hillary am Morgen den Tip gegeben: "Themen, Themen, Themen." Hillary hielt sich daran. "Wir schließen ein Kapitel unseres Lebens", meinte sie.

Dann war sie fertig mit dem schwierigen Projekt, durch ihren Redetext zu hetzen - die Demokraten riskierten wegen einer 18-minütigen Verspätung die Aufmerksamkeit von Millionen schläfriger Fernsehzuschauer, so spät war es bereits geworden. Der Star des Abends, der Präsident bei seinem letzten großen Auftritt, wurde per Video empfangen. König Hussein durfte Clinton den besten Freund des Nahen Ostens nennen, der je im Weißen Haus regierte. Israels Premier Barak lobte den Einsatz der USA im Kosovo. Nelson Mandela pries Clinton als den größten Alliierten, den Schwarze je hatten. Tony Blair lobte Amerikas Wirtschaft und Clintons Verdienst daran.

Dann tat der Gepriesene, was er am besten kann: durch Worte in den Bann schlagen. Clinton hatte eine Antwort auf die Republikaner parat, die die sonnigen Wirtschaftsdaten nicht bezweifeln, die aber behaupten, der Wohlstand sei verschwendet worden. "Es geht um viel mehr als um Wirtschaftsdaten. Wir sind freier, sicherer, hoffnungsvoller", konterte Clinton. Dazu kam eine nicht weniger Schwindel erregende Liste von Erfolgsmeldungen aus der Bildungspolitik, dem umkämpftesten Thema der politischen Mitte, aus der Umwelt- und Gesundheitspolitik. "Wir können auf die demokratischen Leistungen stolz sein!", rief Clinton. Und konnte gar nicht aufhören: Nato-Erweiterung, Aids-Bekämpfung, Frieden für Irland, Kosovo, Nahost, Initiativen für den Freihandel - was für eine Bilanz.

Die Republikaner, meist "die Anderen" genannt, erwähnte er ganze sechs Mal, George W. Bush nie. Ronald Reagan, mit Spitznamen: "the Gipper", hatte nach seinen acht Jahren im Weißen Haus 1988 seinen damaligen Vize George Bush mit einem ironischen "win one for the Gipper!" ins Rennen um seine Nachfolge geschickt. Clintons Schlusssatz lautete: "Baut weiter an den Brücken! Hört nicht auf, an morgen zu denken!"

Noch am Dienstag wollten sich Clinton und Gore in Michigan treffen. Dort sollte dann die symbolische Übergabe des Schlüssels zur Macht in der Demokratischen Partei erfolgen. Seit Montagabend ist nicht mehr Bill Clinton deren Chef, sondern Al Gore. "Unser Führer", nannte ihn Clinton, und es klang seltsam.

Clintons Schatten, der helle wie der dunkle, wird bleiben. Schließlich hat er zugegeben, dass er selbst nochmals angetreten wäre, würde die US-Verfassung dies zulassen. Alt-Präsident Jimmy Carter, der einzige lebende Ex-Bewohner des Weißen Hauses, den die Demokraten haben, setzte am Montag sein bewährtes Lächeln auf, bleckte die Zähne und beschrieb die Aufgabenstellung so: "Gore muss sich in seinen Kokon zurückziehen und als wunderschöner Schmetterling zurückkommen. Clinton muss sich in den Schatten der Geschichte zurückziehen." Sonderlich schattig schien es Clinton nicht zumute zu sein.

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