Partnerschaft mit China : Russland: Abkehr vom Westen

Russland vernetzt die Wirtschaft mit China: Beim Treffen von Ministerpräsident Wladimir Putin mit Chinas Regierungschef Wen Jiabao wurden Milliardengeschäfte in Höhe von 3,5 Milliarden US-Dollar sowie umfangreiche russische Gaslieferungen vereinbart.

Elke Windisch

Moskau - Russische Kommentatoren schwelgen in Superlativen, und die Zahlen sind ja auch beeindruckend: Im Rahmen des russisch-chinesischen Wirtschaftsforums, das am Montagabend zu Beginn des dreitätigen Besuchs von Premier Wladimir Putin in Peking stattfand, unterzeichneten Unternehmen beider Staaten Abkommen mit einem Volumen von insgesamt über dreieinhalb Milliarden US-Dollar. Es wurde auch ein Abkommen über russische Gaslieferungen unterschrieben. Dabei geht es um 70 Millionen Kubikmeter jährlich. Mit den Verträgen bekommt China nicht nur Zugriff auf die Vorkommen in Russisch-Fernost, sondern auch auf die Lagerstätten in Westsibirien, aus denen sich gegenwärtig vor allem Europa versorgt.

Dort aber wird bereits 2012 der Höhepunkt der Förderung erreicht sein, die sich dann immer weiter nach Osten verlagert. Transport von Öl und Gas über derartige Entfernungen – von Deutschland bis nach Ostsibirien sind es 8000 Kilometer – rechnet sich nicht mehr. Weder für Europa noch für Russland. Aber was, wenn der Westen auch noch seine führende Rolle als Wirtschaftsmacht an China abtreten muss? Russland jedenfalls geht davon aus und hat deshalb einen außen- und wirtschaftspolitischen Prioritätenwechsel vorgenommen, über den Europa sich bisher eher wenig Gedanken gemacht hat. Dabei gibt es schon jetzt die von Moskau und Peking dominierte Schanghai-Organisation, die mittelfristig ein politisch-militärischer Machtfaktor sein wird, der entscheidenden Einfluss auf die Entwicklungen im gesamten Mittleren Osten einschließlich Iran und Afghanistan nehmen dürfte.

Nun wollen beide Staaten auch ihre Volkswirtschaften enger vernetzten. Am Rande der letzten Vollversammlung der Vereinten Nationen im September in New York handelten Präsident Dmitri Medwedew und dessen chinesischer Amtskollegen Hu Jintao ein zehnjähriges gemeinsames regionales Entwicklungsprogramm aus, mit dem Peking sich faktisch alle Rohstoffvorkommen in Russisch-Fernost sichert. In dem Papier, das der Moskauer Wirtschaftszeitung‚ „Wedomosti“, zugespielt wurde, ist von insgesamt 205 Projekten in Schlüsselbranchen die Rede.

Allerdings sind nicht alle Experten begeistert von der neuen Partnerschaft. Manche fürchten, China profitiere ungleich mehr von den Abkommen, weil es gezielt versuche, wichtige Regionen im eigenen Einflussbereich zu industrialisieren. Ex-Wirtschaftsminister Jewgeni Jassin warnte bei Radio „Echo Moskwy“, Russland könne seinen strukturschwachen Fernen Osten, wo knapp vier Millionen Menschen leben, auf Dauer nur halten, wenn es dort eine eigene verarbeitende Industrie aufbaut. Elke Windisch

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