Politik : Paschtunen gegen Paschtunen

Alexander Loesch

Seit dem schnellen Vormarsch der Nordallianz und infolge des sich abzeichnenden Zusammenbruchs des Taliban-Regimes werden in Afghanistan die Karten neu gemischt. Die noch aus der Vor-Taliban-Zeit wegen ihrer Gewalttätigkeit berüchtigten Teile der heutigen Nordallianz wollen aber viele und allen voran die USA nicht als neue Alleinherrscher in Kabul sehen. Doch in dem unübersichtlichen Bergland am Hindukusch werden jetzt vielfach die traditionellen Clan-Führer und Warlords wieder aktiv, um ihren Machtanteil für die Zukunft zu sichern. Einer von diesen ist Hamid Karsai, der Oppositionsführer der Paschtunen im noch umkämpften Südwesten des Landes um Kandahar. Karsai könnte eine Schlüsselrolle in diesem Teil Afghanistans zufallen. Dies umso mehr, weil die paschtunischen Gebiete bislang als die Heimatbasis der Taliban galten.

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Die breitere Weltöffentlichkeit konnte erst vor rund zehn Tagen den Namen Karsai zum ersten Mal gehört haben - in einem spektakulären Interview mit BBC-World. Zu jenem Zeitpunkt beherrschten die Taliban noch 90 Prozent des Landes, und Karsai war von den islamistischen Milizen im Süden umzingelt. Nach Darstellung der BBC-Korrespondentin in Pakistan, Lyse Doucet, ist Karsai, Mitglied des Clans von Ex-König Sahir Schah, eine der "Schlüsselfiguren" für die Gestaltung der Zukunft Afghanistans. Karsais Botschaft in der Vorwoche, verbreitet durch den britischen TV-Weltsender, war dramatisch: "Ich bitte die USA, Europa und die islamischen Länder, helft dem afghanischen Volk, seine Unabhängigkeit und den Frieden zurückzugewinnen!" Grafik: Afghanistan Karzai zufolge wurde Afghanistan nicht wirklich von den Taliban beherrscht, sondern von einem grausamen Regime von "arabischen und anderen fremden Terroristen". Der Paschtune, der das Interview mit Lyse Doucet per Funk führte, organisiert nach eigenen Angaben schon seit einigen Wochen im Süden der Uruzgan-Provinz den Widerstand gegen die Taliban und setzt sich für eine künftige Regierungskoalition unter Sahir Schah ein. Er sei unlängst von paschtunischen Landbewohnern vorgewarnt worden, dass "überwiegend arabische Truppen" einen Angriff auf ihn und seine Getreuen planten. Als dieser kam, sei er vorbereitet gewesen. Er habe nach einem zehnstündigen Kampf fliehen können. Er sei entschlossen zu kämpfen, betonte Karsai.

In Afghanistan geben die Paschtunen, mit 38 Prozent die größte ethnische Gruppe, den Ton an. Seit der Gründung der afghanischen Nation durch den Paschtunen Achmed Schah Durrani im Jahre 1747 stellten sie fast alle politischen Führer Afghanistans. Mit einer Ausnahme: Vor knapp zehn Jahren schaffte es ein Tadschike, die Macht zu übernehmen. Doch schon 1996 wurde Präsident Burhanudin Rabbani ins Exil getrieben. Die Tadschiken sind mit 25 Prozent die zweitgrößte Volksgruppe. Die insgesamt etwa 22 Millionen Einwohner stammen aus 19 Ethnien, die nur die islamische Religion gemeinsam haben. Wie oft in Vielvölkerstaaten, streiten die verschiedenen Grupppen traditionell um die Macht.

Dass außerdem 19 Prozent Hazara, sechs Prozent Usbeken und viele weitere kleine Gruppen, unter ihnen Turkmenen, Kirgisen, Kasachen und Belutschen, in Afghanistan leben, ist auf die geografische Lage zurückzuführen. Zwischen dem iranischen Hochland, der zentralasiatischen Steppe und dem heutigen Pakistan gelegen, war die Region über Jahrhunderte ein wichtiger Handelsknotenpunkt.

Was die Volksgruppen trennt, sind ihre geschichtlichen Wurzeln, die Sprache und die Ausrichtung des Islam. Die Paschtunen stammen aus dem pakistanischen Grenzland und hängen der sunnitischen Glaubensrichtung an. Ihre Sprache ist Paschtu, neben Dari eine Amtssprache Afghanistans. Die heute als Taliban-Hochburg bekannte Stadt Kandahar im Südwesten Afghanistans ist das Zentrum der paschtunischen Bevölkerungsgruppe. Auch der seit seinem Sturz 1973 im römischen Exil lebende König Mohammed Sahir Schah ist ein Paschtune aus Kandahar.

Die Hasaren, ein Mongolenvolk, gehören dagegen der schiitischen Glaubensrichtung an. Sie leben in der strategisch wichtigen Region westlich Kabuls und stellen acht Prozent der Bevölkerung. Die Hasaren beteiligten sich seit Beginn des 20. Jahrhunderts an der politischen Herrschaft der Paschtunen. Aber seit die Taliban 1996 die Macht übernahmen, wurden sie wegen ihrer schiitischen Glaubensrichtung verfolgt. Ihre Sprache ist persischen Ursprungs, ebenso wie die der Tadschiken, die aus der Grenzregion zu Tadschikistan stammen. (mit AFP)

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