Politik : Pass auf

Rund 107 000 Menschen werden in Deutschland pro Jahr eingebürgert. Manche, wie Derya Ovali, sind hier schon groß geworden, andere, wie Ahmed Mughalles, suchen hier ihr Glück. Von Menschen und ihren Papieren.

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Bei geringer Regelungsdichte geht es darin vor allem auch um Anwerbung von Ausländern.
Bei geringer Regelungsdichte geht es darin vor allem auch um Anwerbung von Ausländern.Foto: STF/AP/dapd

Manchmal beginnt etwas Neues, und die Menschen bemerken es nicht, weil sich das Neue so anfühlt, als sei es schon immer da gewesen. So ist es Derya Ovali ergangen, als sie mit 17 Jahren zum ersten Mal ihren deutschen Personalausweis in der Hand hatte. Fühlt sich leicht an, dachte sie, passt in jede Tasche. Viel mehr fiel ihr dazu nicht ein.

Manchmal aber wartet einer lange auf das Neue, sehnt es herbei und strengt sich an dafür. Und wenn es dann da ist, kann er sein Glück gar nicht fassen.

Ist das wahr? Passiert das jetzt wirklich mir? Fragt sich Ahmed Al-Mughalles an diesem Dienstag Mitte Dezember immer wieder. Der Saal im Rathaus von Berlin-Neukölln mit seiner hohen Kassettendecke und den abgesessenen Stühlen kommt ihm so unwirklich vor wie die beiden Bezirkspolitiker mit ihren hölzernen Ansprachen und die Opernsängerin, die am Ende der Einbürgerungsfeier die deutsche Nationalhymne anstimmt. Ahmed Al-Mughalles ist nach vorne getreten, als sie seinen Namen aufgerufen haben, er hat erklärt, die Gesetze der Bundesrepublik zu achten und nichts zu tun, was dem Land schaden könnte, und nun hält er das Dokument in der Hand, das vielleicht ein neues Leben, auf jeden Fall ein neues Lebensgefühl mit sich bringt: seine Einbürgerungsurkunde. Ahmed Abdulmajid Obadi Al-Mughalles ist ab sofort Deutscher. Er kann es mit ganzem Herzen sein, denn bis sein Deutsch so gut war, dass er politische Debatten verfolgen konnte, waren die quälenden Kämpfe darum, wer Deutscher werden darf, vorläufig ausgekämpft.

Derya Ovali dagegen hat die Parolen gegen die „Sozialschmarotzer“ und die „kriminellen Ausländer“ noch im Ohr, mit denen jahrelang gegen Zuwanderer, Flüchtlinge und in Deutschland lebende Türken Stimmung gemacht wurde. Bis 1999 konnte nur Deutscher sein, wer deutsche Eltern hatte, denn konservative Kreise weigerten sich anzuerkennen, dass aus Deutschland längst ein Einwanderungsland geworden war. Danach wurde argumentiert, die deutsche Staatsangehörigkeit sei eine hohe Auszeichnung, um die müsse man sich bemühen. Mit schlechten Noten und ohne Schulabschluss sehe es schlecht aus. Solche Parolen und Argumente beleidigten Menschen wie Derya Ovali und ihre Familien, die abgestempelt wurden als Bürger zweiter Klasse und doch ihr Geld mit harter Arbeit verdienen und Steuern zahlen wie andere Deutsche auch. Diese Verletzungen und Demütigungen hat die junge Frau auch nicht darüber vergessen, dass im Jahr 2000 das Staatsangehörigkeitsrecht reformiert und 2005 das erste deutsche Zuwanderungsgesetz eingeführt wurde.

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Während im Rathaus Neukölln weitere Namen aufgerufen werden, betrachtet Ahmed Al-Mughalles die Urkunde mit dem Bundesadler und das Grundgesetz in der Schmuckversion, das sie ihm geschenkt haben. Dann steckt er beides behutsam in seine Tasche. Die Hymne singt er nicht mit. Wäre ein bisschen viel auf einmal. Er hat auch das Notenblatt mit dem Text nicht zur Hand, das ihm die Rathausmitarbeiter gegeben haben. So schaut er mit ernster Miene auf die meterlangen Flaggen an der Stirnseite des Saales. Es sind die Flaggen von Berlin und Deutschland und das Neuköllner Wappen. Die Symbole seiner neuen Heimat.

Die alte ist der Jemen. 1981 wurde er dort in einem Dorf geboren. Deutschland kannte er von Entwicklungshelfern. Er mochte sie, weil sie freundlich waren und hilfsbereit, ohne sich groß einzumischen. Er war gut in der Schule und wollte studieren. Auch im Jemen gibt es Universitäten, klar. Aber wenn man aus einer Familie kommt, die weder Einfluss noch Geld hat, ist es schwer, einen Studienplatz zu bekommen. Ahmed Al-Mughalles wollte seinem Leben trotzdem eine Perspektive geben und beantragte ein Visum für Deutschland. Das war vor zehn Jahren. Er lernte Deutsch, studierte Elektrotechnik und fand schnell eine Anstellung in einer Firma etwas außerhalb von Berlin. Da er schon über acht Jahre hier lebt, seinen Lebensunterhalt selbst finanziert, sehr gut Deutsch spricht und auch den staatskundlichen Einbürgerungstest mit voller Punktzahl absolviert hat, wurde sein Antrag auf einen deutschen Pass innerhalb von drei Monaten bewilligt.

„Jetzt gehöre ich offiziell dazu“, wird Ahmed Al-Mughalles nach der Feier sagen und dem Satz ein paar Mal hinterhernicken, damit er sich nicht so schnell verflüchtigt. „Jetzt bin ich in Sicherheit.“ Jetzt muss er nie mehr um sieben Uhr morgens in der Ausländerbehörde anstehen und um die Verlängerung der Aufenthaltserlaubnis betteln, nie mehr Angst haben, dass sie ihn abschieben, falls er seine Arbeitsstelle verliert.

Es gab eine Zeit, da spielte die Ausländerbehörde auch im Leben von Derya Ovali eine Rolle. Als Kind begleitete sie oft ihren Vater dorthin, wenn er die Verlängerung der Aufenthaltserlaubnis für die Familie beantragte. „Gehörte halt zum Leben dazu“, sagt sie und zuckt mit den Schultern. Derya Ovali ist 30 Jahre alt, ein bisschen jünger als Ahmed Al-Mughalles. Seit 28 Jahren wohnt sie im selben Haus in derselben Straße in Kreuzberg. Hier ist sie zur Schule gegangen, hier ist sie aufgewachsen. Wenn es überhaupt einen geografischen Fleck gibt, mit dem sie sich voll und ganz identifiziert, dann ist es wohl Kreuzberg. Ihre Eltern sind aus der Türkei eingewandert und betreiben einen Zeitungskiosk. Vor 14 Jahren beschloss der Vater: Schluss mit den lästigen Gängen zur Ausländerbehörde, wir werden Deutsche. Weil wir hier leben und arbeiten und weil es einfach dazugehört. Basta. Er beantragte für sich, seine Frau, für Derya und ihren Bruder die deutsche Staatsangehörigkeit.

Danach war der „Papierkram“ leichter, sagt Derya Ovali. Bibliotheksausweise beantragen, die Anmeldung an der Uni, bei einer Bank ein Konto eröffnen, Reisen ins Ausland. Das Leben ist bequemer geworden. Und sonst? Derya Ovali sieht zum Fenster hinaus auf die winterlichen Bürgersteige und überlegt lange.

Ahmed Al-Mughalles hat sich schick gemacht für die Einbürgerungsfeier und ein weißes Hemd zur beigen Cordhose angezogen. Er hat sich extra einen Tag Urlaub genommen. Nach einer Stunde ist die Feier zu Ende, im Foyer gibt es Kaffee, Tee und Saft. Wer möchte, kann das Foto mitnehmen, das eine Rathausmitarbeiterin von jedem gemacht hat, als die beiden Bezirkspolitiker die Einbürgerungsurkunde überreichten. Ahmed Al-Mughalles steckt sein Foto ein und tritt zu einem jemenitischen Freund, der auch gerade eingebürgert wurde. Sie klopfen sich gegenseitig auf die Schulter und sagen wie verabredet: „Als echte Deutsche gehen wir jetzt erst mal Wurst essen und Glühwein trinken.“ Ein Scherz. Sie lachen. Sie sind gläubige Muslime und werden Schweinswurst und Alkohol auch in Zukunft meiden.

Draußen dämmert es, im Rathaus leuchtet Neonlicht den Weg zum Bürgeramt zwei Etagen tiefer. Dort zieht Ahmed Al-Mughalles die Wartenummer 128. Er will jetzt gleich seinen deutschen Personalausweis beantragen. Das wollen auch viele andere, der Warteraum ist voll. Mehr als 1200 Menschen wurden 2012 in Neukölln eingebürgert, jeden zweiten Dienstag im Monat gab es eine Einbürgerungsfeier im Rathaus. Für ganz Berlin liegen noch keine Zahlen für 2012 vor. 2011 waren es knapp 7000 Menschen, die einen deutschen Pass bekommen haben, deutschlandweit knapp 107 000. Nach einer kleinen Delle 2008 steigen die Zahlen wieder leicht an.

„Ist wie mein zweiter Geburtstag heute“, sagt Ahmed Al-Mughalles. „Jetzt beginnt ein Leben in Freiheit und mit Gleichberechtigung.“ Als er vor zehn Jahren hierherkam, hatte er eine „vage Ahnung“ von Europa. Hatte gehört, dass es dort demokratisch zugeht und freier. Wie sich das anfühlt, konnte er sich nicht vorstellen. Im Jemen gebe es Korruption statt Freiheit, sagt er, und wer bessere Beziehungen habe, werde besser behandelt. 100 Leute würden ein Volk von 20 Millionen als Geisel nehmen für ihre Machtkämpfe. „Hier kann ich einfach eine Nummer ziehen und weiß, ich bekomme mein Recht – auch ohne Beziehungen.“ Trotzdem ist es ihm schwergefallen, den jemenitischen Pass abzugeben. Er will auch nicht so viel Schlechtes über den Jemen sagen. Und nicht naiv klingen, was Deutschland angeht. Er selbst sei noch nie diskriminiert worden wegen seiner Hautfarbe, seines Namens oder weil er Muslim ist, sagt Ahmed Al-Mughalles. In seiner Firma zum Beispiel dürfe er beten, wann er will, es störe keinen. Er zweige meistens eine Viertelstunde von der Mittagspause ab. Er wisse aber von anderen mit ausländischen Wurzeln, die ungerecht behandelt werden. Er verfolgt auch sehr genau, wie in Deutschland über den Islam diskutiert wird. Ihm ist übel aufgestoßen, wie viele in der CDU über den früheren Bundespräsidenten Christian Wulff hergefallen sind, als der erklärte, der Islam gehöre zu Deutschland. Ob die Bundesregierung aus Angst vor dem Islam womöglich bald die Religionsfreiheit einschränkt? Manchmal frage er sich das. Es würde sein Bild von Deutschland ruinieren. Sein Fazit: „Es läuft auch hier längst nicht alles ideal. Aber die Bundesrepublik strengt sich wenigstens an, um an das Ideal heranzukommen.“

Welches Ideal? Gleichberechtigung? „Schön wär’s“, sagt Derya Ovali im Kreuzberger Café. 14 Jahre nach der Einbürgerung hat sie immer noch nicht das Gefühl, als Deutsche wie andere Deutsche behandelt zu werden. An der Universität sprachen Dozenten über sie als „die Türkin“, und als sie im Standesamt einen Termin für die Hochzeit beantragen wollte, sollte sie erst mal noch einen Nachweis vom türkischen Konsulat bringen, dass sie wirklich nur die deutsche Staatsangehörigkeit besitzt und nicht noch zusätzlich die türkische. Und, ja, es trifft sie, wenn ihr Vater respektlos behandelt wird, nur weil er sich in den deutschen Sätzen verhaspelt. Und wenn türkischen und arabischen Eltern pauschal unterstellt wird, sie kümmerten sich nicht um ihre Kinder. Ein fremd klingender Name, dunkle Augen, schwarze Haare fallen offenbar immer noch mehr ins Gewicht als der deutsche Pass.

„Mit dem Pass streift man das alte Leben ja auch nicht einfach ab“, sagt sie. „Ich bin Deutsche, und meine Wurzeln liegen in der Türkei.“ Wenn andere Familien darüber diskutieren, was der Opa im Krieg gemacht hat, sprechen die Ovalis zu Hause über ihre Migrationsgeschichte. Warum sich ständig rechtfertigen, ständig beweisen müssen, dass man deutsch tickt? Sie kann sich darüber leicht in Rage reden.

Als Studentin engagierte sich Derya Ovali im türkischen Studentenverein und beim Türkischen Bund. Sie hat für eine Abgeordnete im Abgeordnetenhaus von Berlin gearbeitet und für einen Bundestagsabgeordneten. Vor der Bundestagswahl 2009 hat sie für die SPD Wahlkampfveranstaltungen organisiert, jetzt sitzt sie für die Sozialdemokraten im Bezirksparlament in Friedrichshain-Kreuzberg. Sie hat für die doppelte Staatsbürgerschaft gekämpft und Unterschriften gesammelt, bisher vergeblich. Sie möchte, dass Eingewanderte die gleichen Chancen haben wie die anderen und will ihr Wissen und ihre Bildung, die sie in Deutschland bekommen hat, weitergeben – auch aus Dankbarkeit. Derya Ovali hat Erziehungswissenschaften studiert und kennt die Schwierigkeiten, mit denen türkisch- und arabischstämmige Eltern und Schüler zu kämpfen haben. Im Moment gibt sie Integrationskurse für Frauen. „Vielleicht habe ich zu sehr die Problemfälle im Blick“, sagt Derya Ovali. Manchmal ist sie fast ein bisschen neidisch auf die Glücksgefühle, die der deutsche Pass bei anderen auslöst, bei Ahmed Al-Mughalles beispielsweise.

Bei der Bundestagswahl 2013 wird Ahmed Al-Mughalles zum ersten Mal in seinem Leben wählen. „Eine große Sache“, sagt er. Im Jemen hätte er auch wählen können, doch es wäre sinnlos gewesen. Das Ergebnis stand vorher fest. Er überlegt sich, in die SPD einzutreten und sich wie Derya Ovali zu engagieren. „Wenn man die Möglichkeit hat, sich einzubringen mit seinen Ideen, sollte man etwas tun für die Gesellschaft“, sagt der Neuberliner. Demokratie, Freiheit, Gleichheit verstehen sich nicht von selbst. Man müsse immer wieder neu dafür kämpfen. Ein Alteingesessener könnte es nicht besser sagen.

Fast zwei Stunden wartet Ahmed Al-Mughalles im Warteraum des Bürgeramtes im Rathaus Neukölln jetzt schon. Heute Abend will er noch mit einem Freund ein bisschen seine Einbürgerung feiern und seine Brüder anrufen. Einer studiert in Berlin, der andere hat das Studium beendet und lebt in Aachen. Er ist mittlerweile auch Deutscher. Seiner Mutter und seinen Geschwistern im Jemen will er die Neuigkeit persönlich überbringen. „Ganz ehrlich“, sagt Ahmed Al-Mughalles, „meine Mutter wird stolz sein, wenn sie hört, dass ich den deutschen Pass habe.“ Aber auch das sagt sie ihm jetzt manchmal: „Bist mir fremd geworden.“ Die Distanz zum alten Leben ist der Preis für das neue.

Auf der Anzeigentafel im Warteraum blinkt die Nummer 128 auf. „Ich hoffe, dass mich meine Mutter irgendwann verstehen wird“, sagt Ahmed Al-Mughalles. Heimat ist für ihn nicht das Land, in dem er geboren wurde. Heimat, sagt er, ist das Land, in dem man Rechte hat und diese wahrnehmen kann. Er nimmt seine Tasche und verschwindet in der deutschen Amtsstube.

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