Politik : Passen Sie gut auf uns Österreicher auf! (Kommentar)

Wolfgang Kralicek

Grüß Gott! Wie Sie sehen, bin ich aus Österreich. Und ich habe eine Erklärung abzugeben. Genauer gesagt: Die Redaktion hat mich höflich, aber doch mit Nachdruck darum gebeten, eine Erklärung abzugeben. Man würde jetzt doch gerne einmal wissen, was denn ein Österreicher dazu sagt, dass Österreich wieder einmal unten durch ist in Europa. Glauben Sie mir, es ist kein gutes Gefühl. Ich persönlich kann ja nichts dafür, dass die anderen EU-Staaten auf Österreich nicht gut zu sprechen sind. Wie fast alle Österreicher, die ich kenne, habe ich bei der Nationalratswahl im Oktober das Liberale Forum gewählt. Das Ergebnis ist bekannt: Das Liberale Forum flog aus dem Nationalrat, die Freiheitliche Partei (FPÖ) schaffte Platz zwei.

Es gibt österreichische Intellektuelle wie Robert Menasse, die nicht müde werden, die "Wende" als ganz normal zu bezeichnen. Nicht normal sei es gewesen, dass das Land 30 Jahre lang von Sozialdemokraten regiert wurde. Es stimmt, dass ein Machtwechsel in einer Demokratie nach so langer Zeit etwas Normales ist. Es stimmt aber auch, dass die FPÖ keine normale Partei und Jörg Haider kein normaler Politiker ist. Nein, die Österreicher sind keine Nazis! Sie finden es bloß nicht so schlimm, dass jetzt eine Partei an die Macht gelangt, die immer wieder mit Nazi-Sprüchen aufgefallen. 1,2 Millionen Österreicher haben FPÖ gewählt. Die meisten sind sogenannte Protestwähler, aber wogegen sie protestieren ist ihnen wohl selbst nicht recht klar.

Dass die Haider-Partei jetzt in die Regierung kommt, ist nur die logische Folge des Wahlergebnisses. Der Bundespräsident konnte den Super-GAU durch diplomatisches Geschick um einige Monate hinauszögern. Jetzt ist eingetreten, was seit Jahren zu erwarten war - und doch von niemandem ernsthaft für möglich gehalten wurde. Als Hauptschuldiger für die Misere gilt zu Recht Wolfgang Schüssel: Die von ihm angeführte christdemokratische Volkspartei (ÖVP) erzielte das schlechteste Wahlergebnis ihrer Geschichte und wurde knapp, aber doch von der FPÖ überholt. Die Proteste aus dem In- und Ausland sind ungefähr so aussichtsreich wie der Versuch, einem Ehemann beim Seitensprung knapp vor dem Orgasmus ins Gewissen zu reden.

Im November haben rund 70 000 Menschen - darunter Prominente wie Elfriede Jelinek und Jack Lang - in Wien gegen eine "Koalition mit dem Rassismus" demonstriert. Jetzt ist es doch noch zu dieser Koalition gekommen. Wahlergebnisse lassen sich nicht wegdemonstrieren. Die Proteste der EU wurden von Haider und Schüssel als Einmischung in innerstaatliche Angelegenheiten zurückgewiesen. Damit, dass verdammt viele Österreicher so gewählt haben, müssen die anderen leben. Schön ist das nicht. Ein Bitte hätte ich noch: Passen Sie gut auf uns auf. Und seien Sie weiter dankbar dafür, dass es in Deutschland keinen Haider gibt.

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