Politik : Patchwork der Politik

Von Rüdiger Schaper

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Was kann Friedbert Pflüger gegen Klaus Wowereit ins Feld führen? Wer bietet mehr Aufregung, mehr Abrieb? Der wahrscheinliche Spitzenkandidat der Berliner CDU hat sich von seiner Frau getrennt; aber Scheidung kommt leider in jeder zweiten Ehe vor. Nun verlangt Pflüger, der ein Kind mit seiner neuen Lebensgefährtin hat, von der Verflossenen einen Zugewinnausgleich. Das ist schon eher ungewöhnlich, geschlechtsuntypisch. Könnte ein Beispiel sein für andere Männer. Wenn sie im Rosenkrieg plötzlich mit kurzen Hosen dastehen.

Wie politisch dieses Private ist, und dass es für einen Politiker, zumal für einen schwulen, eine nur sehr begrenzte und gefährdete Privatsphäre gibt, wusste Klaus Wowereit. Bevor man ihn womöglich in den Dreck ziehen konnte, hat er sich damals, beim Sprung ins Amt des Regierenden Bürgermeisters, zu seiner Homosexualität fröhlich bekannt. Und das ging so krachledern weiter, ohne falsche Scham, ohne Berührungsängste. Was anderen peinlich oder unanständig erschien, machte Wowereit nur populär.

In der von Investoren bedrohten Komödie am Kurfürstendamm amüsiert man sich derzeit über Oscar Wildes „Bunbury“. Ein Stück aus alten Zeiten: Bunbury ist eine Fantasiefigur, die immer dann zum Einsatz kommt, wenn der männliche Hauptdarsteller ein Alibi braucht. So war es einmal. Doppelmoral funktioniert nicht mehr sehr gut. Die Medien schauen zu genau hin, sind unersättlich, da geht ein Politiker lieber in die Offensive – und macht Schlagzeilen mit den Dingen des Lebens, die man nicht in der Klosterschule lernt. Ohne Alibi. Wer als Politiker zeigen kann, dass ihm nichts Menschliches fremd ist, der kommt an. Man kann es auch Lebenserfahrung nennen. Wenn es im Herbst zu dem Duell Wowereit / Pflüger kommt, hat der Regierende nicht nur einen Amtsbonus. Er hat auch einen wesentlichen höheren Unterhaltungsfaktor.

So weit ist es also gekommen!? Zum Glück. Die führenden politischen Akteure sind zu glaubhafteren Repräsentanten der Menschen „draußen im Lande“ geworden, wie Helmut Kohl zu sagen pflegte. In dem Wort steckte nicht nur die Arroganz der Macht, sondern auch eine merkwürdige moralische Selbstverpflichtung als demokratischer Monarch. Kohls Nachfolger Schröder: vier Ehen. Bundeskanzlerin Merkel: geschieden, kinderlos. Ist das noch christdemokratisch? Hat der Papst etwas gesagt?

Die reine Lehre – ein Ladenhüter. In Berlin regieren gleich zwei große Koalitionen – eine im Bund, eine auf Landesebene, und gemeinsam umfassen sie das gesamte politische Spektrum. Anything goes. Die Diversifizierung des Individuums hat ungeahnte Ausmaße angenommen; längst verschwunden auch der moralische Gruppen(sex)druck der Achtundsechziger und ihr Lenin’scher Rigorismus. Beim privaten Glück steht man sich meist nur selbst im Weg, politisch ist jedwede Kohabitation denkbar in Deutschland, nur die veränderten wirtschaftlichen Anforderungen erscheinen vielen zu hoch, nicht zumutbar.

Es ist doch etwas dran an der Berliner Republik. Wowereit und Pflüger, Westerwelle und – und Ursula von der Leyen, siebenfache Mutter und Bundesfamilienministerin, gehören dazu. Patchwork der Politik. Das lässt auf zeitgemäße, fantasievolle Familiengesetze hoffen. Joseph Beuys, der vor zwanzig Jahren starb, hat den missverständlichen Satz gesagt: Jeder Mensch ist ein Künstler. Er meinte: Lebenskünstler.

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