Politik : Patienten auf Irrfahrt

Studie: Falsche Behandlung psychisch Kranker kostet Milliarden

Rainer Woratschka

Sie sind die Sorgenkinder der Krankenkassen und Arbeitgeber: Psychisch Kranke sind häufiger und länger krankgeschrieben als andere Patienten, sie sind öfter im Krankenhaus und brauchen mehr Medikamente. Und während andere Krankheiten rückläufig sind, nehmen Neurosen und Depressionen in den vergangenen zehn Jahren beängstigend zu: um sechs bis zehn Prozent pro Jahr.

Beängstigend sind auch die Kosten. Im Schnitt, so hat der Mannheimer Psychologie-Professor Manfred Zielke errechnet, verursacht ein psychisch Kranker in zwei Jahren Ausgaben von rund 40 000 Euro. Er ist in dieser Zeit im Schnitt 148 Tage krankgeschrieben, kommt auf 65 Arztbesuche und 30 Tage Klinikaufenthalt. 80 Prozent der Patienten sind Arznei-Dauerkonsumenten. Für Zielke ist dieser Ressourcenverbrauch zu einem Gutteil Verschwendung – ein Beispiel massiver Fehlversorgung. In einer Studie, finanziert von der Allgemeinen Hospitalgesellschaft (AHG) und der Krankenkasse DAK, weist er nach, dass sich durch zielgerichtete Behandlung 54 Prozent der Kosten einsparen ließen. „Pro Jahr über zwei Milliarden Euro, und das bei deutlich besserer Versorgungsqualität“.

Die hohen Kosten entstehen vor allem durch die Odyssee der Kranken. Rolf Meermann, Chefarzt der psychosomatischen Fachklinik Bad Pyrmont, nennt ein Beispiel: Sieben Jahre lang sei eine 32-Jährige wegen Schwindelgefühlen „durch Haus- und Facharztpraxen gegondelt“. Schließlich diagnostizierten die Ärzte eine Angstneurose und halfen der Patientin bei der Überwindung.

Sieben Jahre „Überweisungskarussell“ seien der Schnitt, sagt Norbert Glahn. Der AHG-Vorstandschef nennt das einen „Skandal“. Seit 1993 kenne man diese Zahl, „und trotz aller Kostendämpfungsdiskussion hat sich nichts geändert“. Das Tragische für die Patienten: Durch jahrelange Fehlversorgung und Arzneikonsum würden viele Leiden chronisch, sagt Zielke. Schuld daran seien vor allem Körpermediziner, die von Psychosomatik wenig verstünden. DAK-Vorstandsvize Eckard Schupeta: „Wir brauchen besser ausgebildete Hausärzte.“ Nur so könnten jahrelange Leidenskarrieren und unnötig hohe Ausgaben vermieden werden.

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