Patienten : Für die Klinik nicht krank - für Zuhause nicht fit genug

Alleinstehende Patienten müssen nach der OP oft zu früh nach Hause. Dort kommen sie aber ohne Hilfe nicht zurecht. Eine Bremer Initiative will nun helfen.

Eckhard Stengel[Bremen]

Als die Bremer Rentnerin Elsbeth Rütten nach einer Fußoperation aus dem Krankenhaus entlassen wurde, fiel sie in eine Versorgungslücke. Sie durfte ihren Fuß „kein Gramm belasten“, wie sie sagt, und trug deshalb zwölf Wochen lang einen Liegegips bis zum Knie. Aber nur fünf Tage lang finanzierte ihr die gesetzliche Krankenkasse stundenweise eine Hilfskraft. In den Wochen danach musste Rütten selbst zurechtkommen. „Manchmal bin ich auf allen Vieren gekrochen.“

So wie der Bremerin geht es unzähligen alleinstehenden Patienten, die für die Klinik nicht krank und für Zuhause noch nicht fit genug sind, etwa nach Knochenbrüchen, Hüft- oder Augenoperationen. Zugespitzt hat sich die Lage durch die 2004 eingeführten Fallpauschalen: Seit die Kliniken pauschal pro Fall honoriert werden, stehen sie unter Druck, ihre Patienten möglichst früh zu entlassen – notfalls auch hilflos. Nur wenn Kinder unter zwölf Jahren im Haushalt leben, müssen die gesetzlichen Kassen bei Bedarf eine Haushaltshilfe finanzieren. Manchmal zahlen sie zwar freiwillig. „Aber es ist unwürdig, dass man immer erst mal darum kämpfen muss“, findet Rütten.

Deshalb hat die 60-Jährige eine Initiative gegründet, die für eine Schließung dieser „ambulanten Versorgungslücke“ bei Kassenpatienten kämpft. Ihre rund 15 Mitstreiterinnen haben jetzt einen prominenten Schirmherrn gefunden: Bremens Altbürgermeister und Ex-Sozialsenator Henning Scherf (70). Der Sozialdemokrat wünscht sich wie Rütten langfristig „Patientenhotels“ nach skandinavischem Vorbild oder zumindest separate Klinikstationen, wo hilflose Personen noch eine Weile auf Kassenkosten betreut werden. Außerdem hoffen die Bremer auf eine Änderung des Sozialgesetzbuches, damit auch Alleinstehende nach der OP Anspruch auf Haushaltshilfen erhalten. Die Bundesregierung ist dazu aber nicht bereit, wie eine Sprecherin des Gesundheitsministeriums auf Tagesspiegel-Anfrage sagte. Dies würde zu „unbeschränkter Leistungsausweitung“ führen und den Aufgabenbereich der gesetzlichen Krankenversicherung sprengen.

Aber auch ohne Gesetzesänderung könnten die Kassen laut Scherf und Rütten etwas tun: Sie sollten stärker als bisher freiwillig helfen. „Das kann eigentlich keine gutwillige Kasse ablehnen“, meint Scherf. Eine Kostenexplosion befürchtet er nicht, solange nur diejenigen eine Haushaltshilfe bekommen, die sie unbedingt brauchen.

Elsbeth Rütten jedenfalls findet es widersinnig, was nach ihrer Fuß-OP passierte: Weil sie ohne Hilfskraft ihr eingegipstes Bein zu stark belasten musste, entstand ein Druckgeschwür am Knie. „Dann durfte ein Pflegedienst kommen, um genau diese Stelle zu versorgen.“ Aber zum Einkaufen oder Wäschewaschen wurde niemand geschickt. Dabei hätten ihr schon „zweimal drei Stunden pro Woche gereicht“.

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