Politik : Paul Lendvai und Robert Schindel im Gespräch

Armin Lehmann,Charles Landsmann

Eine mögliche Regierungsbeteiligung von FPÖ-Chef Haider haben auch israelische Spitzenpolitiker aufgeschreckt. Justizminister Beilin und der außenpolitische Sprecher des oppositionellen Likud, Naveh, erklärten, dass Israel als jüdischer Staat sich mit dem "Phänomen Haider" nicht abfinden dürfe. Beilin sagte im Rundfunk: "Wir dürfen nicht zur Tagesordnung übergehen. Wir können nicht hinnehmen, dass ein Mann wie Haider ... Teil der Regierung ist - egal ob als Bundeskanzler oder als Minister." Beilin erklärte auf Anfrage des Tagesspiegel, dass es nun für Israel darum gehe, Österreich seine Meinung darzulegen. Er machte klar, dass seine Attacke auf Haider persönlich und nicht auf dessen FPÖ gerichtet sei.

Wie reagierten österreichische Juden auf die Drohung Israels? Zwei Antworten des Chefredakteurs der "Europäischen Rundschau" und Ex-Intendanten von Radio Österreich International, Paul Lendvai, und des Schriftstellers Robert Schindel.

Paul Lendvai (70) ist Chefredakteur der Vierteljahresschrift Europäische Rundschau. Der gebürtige Ungar, seit 1959 Österreicher, war auch Intendant von Radio Österreich International.

Robert Schindel (55) schrieb seinen Erstroman 1986 ("Ohneland"), vor allem aber mit "Gebürtig", dessen Helden mit ihm teilen, dass sie als Juden in Wien leben, wurde er bekannt.

Israel droht, den Botschafter aus Österreich abzuziehen, falls Haider an die Regierung kommt. Ist die Reaktion angemessen?

LENDVAI: Nein, ich halte sie für überzogen. Sie ist geeignet, das zu erzeugen, was man verhindern will, beispielsweise Antisemitismus. Ich halte solche Angriffe nicht nur für sinnlos, sondern für kontraproduktiv. Einseitige Berichterstattung schadet der Sympathie für Israel. Sie ermutigt auch den wirklichen Extremismus, weil man überhaupt nicht sagen kann, dass 1,7 Mio Wähler rechtsextrem sind.

SCHINDEL: Ich halte die Reaktion Israels sowohl für überzogen als auch für gerechtfertigt. Überzogen, weil die Einschätzung der FPÖ und Haiders auch irrational ist und einen Selbstlauf hat, was aber auch zu verstehen ist angesichts seiner Äußerungen. Gerechtfertigt auch, weil Israel sich als Wächter gegen Antisemitismus und Rassismus fühlt. Natürlich sind wir österreichischen Juden nicht besonders amüsiert, dass die Haltung, die sich in Österreich schon in der Waldheim-Affäre offenbart hat, nun verstärkt wird. Nach dem Motto: Die Juden haben uns überhaupt nichts zu sagen.

Würde Haider in Regierungsverantwortung die österreichische Demokratie gefährden?

LENDVAI: Es wird anders laufen. In der ersten Phase wird die ÖVP den Posten des Bundeskanzlers bekommen, damit wird dieser eine Geisel der FPÖ. Das ist der Preis für eine schwarz-blaue Koalition. Haider ist Landeshauptmann in Kärnten. Er wird nicht in eine Regierung gehen, solange er nicht Bundeskanzler ist. In diesem Sinne sind die Angriffe voreilig. Diese Frage der Demokratiegefährdung wird sich später stellen, dann, wenn es zu Neuwahlen kommt und die FPÖ stärkste Partei sein könnte. Heute ist das nicht aktuell. Das Schlimmste sind Übertreibungen.

SCHINDEL: Die wahren Haidermacher sitzen in der SPÖ und ÖVP, sie bemühen sich, Haider groß zu machen. Was die SPÖ angeht, auch aus Feigheit. Haider bestimmt schon jetzt die Politik mit, vor allem in der Ausländerpolitik. Ich glaube nicht, dass eine Regierungsbeteiligung der FPÖ eine Gefahr für die Demokratie ist. Aber sie kann den Boden für spätere undemokratische Entwicklungen bereiten.

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