Paul Spiegel : Ein Kämpfer gegen den Antisemitismus

Seit dem Jahr 2000 war Paul Spiegel der Präsident des Zentralrats der Juden. Immer wieder prangerte der Nachfolger von Ignatz Bubis Antisemitismus und Ausländerhass an.

Düsseldorf - Wo sein Zuhause war, daran hat Paul Spiegel nie einen Zweifel gelassen: "Ich würde nicht in Deutschland leben, wenn ich nicht gerne hier leben würde", sagte der als "rheinische Frohnatur" geltende Spiegel. Der Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland starb in der Nacht zu Sonntag im Alter von 68 Jahren in einem Düsseldorfer Krankenhaus.

Als Spiegel im Jahr 2000 die Nachfolge des verstorbenen Ignatz Bubis antrat, begann für den Zentralrat eine neue Ära in schwierigen Zeiten. In den jüdischen Gemeinden kam es zu einem Generationswechsel, und es gab Spannungen zwischen Traditionalisten und Reformern, hervorgerufen durch die starke Zuwanderung osteuropäischer Juden. Spiegel stufte die Integration dieser Zuwanderer in die Gemeinden als vorrangig ein. Hinzu kam eine Zunahme rechtsextremer Gewalttaten und fremdenfeindlicher Übergriffe. Immer wieder prangerte Spiegel Antisemitismus und Ausländerhass an.

Das Augenmaß verlor Spiegel bei seiner Kritik nie. So etwa forderte er im Oktober 2000 nach dem Brandanschlag auf eine Synagoge in Düsseldorf, wo er vor Jahrzehnten mit seiner Frau Gisèle getraut worden war, einen besseren Schutz für die Juden in Deutschland - ohne das Vertrauen in die Demokratie des Landes in Frage zu stellen. Dazu passt auch, dass er im Juli 2001 beim öffentlichen Gelöbnis der Bundeswehr im Bendler-Block im Berliner Tiergarten, dem Sitz des Heeresoberkommandos im Dritten Reich, als erster Repräsentant der Juden in Deutschland teilnahm und die Bundeswehr als einen "Teil unserer rechtsstaatlichen Demokratie" bezeichnete.

Flucht vor den Nazis

Am 31. Dezember 1937 im münsterländischen Warendorf geboren, musste Spiegel als kleiner Junge mit seinen Eltern und seiner Schwester Roselchen aus dem münsterländischen Warendorf vor den Nazis nach Belgien fliehen. Der Einmarsch der Wehrmacht riss die Familie auseinander. Vater Hugo, ein Viehhändler, überlebte die Vernichtungslager, während Roselchen in einem Konzentrationslager ums Leben kam. Die Mutter schaffte es, unterzutauchen und ihren Sohn bei einer katholischen Bauernfamilie unterzubringen. Paul wurde als "Verwandter aus Deutschland" ausgegeben und besuchte jeden Sonntag die Messe in der Dorfkirche. Bis zuletzt besaß er als Erinnerung an seine Retter einen Rosenkranz, den er "wie einen Augapfel" hütete.

Als Paul Spiegel sieben Jahre alt war, kam er mit seinen Eltern wieder zusammen. Vor der Rückkehr nach Deutschland hatte der Junge zunächst Angst, weil es dort nach seiner Vorstellung "Riesen gibt, die jüdische Kinder umbringen". Nur langsam gewöhnte sich der kleine Paul, der aus alter Gewohnheit zunächst nur Französisch sprach, an seine alte Heimat. Jahrzehnte später erhielt er die Ehrenbürgerwürde von Warendorf und - neben zahlreichen weiteren Auszeichnungen - auch das Bundesverdienstkreuz.

Chef einer Künstleragentur

In seinem Hauptberuf, als Chef einer Düsseldorfer Künstleragentur, vermittelte er Feuerschlucker, organisierte bunte Abende und zog für Showstars oder Musiker Aufträge an Land. Nach der Wahl zum Präsidenten des Zentralrats zog der Mann des Showbusiness in seinem Hauptberuf aber eher im Hintergrund die Strippen. Fortan war der langjährige Journalist, der Geselligkeit über alles schätzte, in gepanzerten Limousinen und mit Bodyguards unterwegs und musste damit leben, dass vor seinem Wohnhaus in einer kleinen Straße im Düsseldorfer Stadtteil Oberkassel rund um die Uhr Dutzende von Polizisten patrouillierten.

Politisch verortete sich Spiegel, der den verstorbenen Altbundespräsidenten Johannes Rau zu seinen Freunden zählte, als "nicht rechts, nicht links". Zentraler Punkt im Leben des Liebhabers klassischer Musik blieb ungeachtet zahlreicher Ehrenämter im jüdischen Gemeindewesen stets seine Familie. Trotz seiner zahlreichen Termine sorgte er dafür, dass er abends heim zu Frau und Kindern kam: "Am schönsten und entspannendsten ist es für mich, alleine zu sein mit meinen drei Frauen - zu Hause oder bei Spaziergängen entlang des Rheins in Düsseldorf." (Von Sabine Meuter, ddp)

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