Politik : PDS: Aufbau West

Matthias Meisner

Eine ganze Weile ist Gabi Zimmer schon die Fußgängerzone in Dortmund auf- und abgeschlendert, auf der Suche nach einem der Verkäufer des Straßenmagazins "Bodo". Zuvor noch hat sie sich bei der Bochum-Dortmunder Obdachloseninitiative über das Projekt informieren lassen. Der Leiter Ernst Lange, ein bekennender PDS-Wähler, hat Zimmer erklärt, dass ihr Besuch "eine Ehre" sei. Er berichtet über die 80 Straßenverkäufer und den geplanten Aufbau einer Gebrauchtbuchhandlung. Die PDS-Vorsitzende hört aufmerksam zu, setzt ein betroffenes Gesicht auf, lobt Langes Engagement: "Ich schätze Ihre Arbeit sehr. Es gibt nur wenige Menschen, die diese Arbeit durchhalten."

Und schließlich findet Zimmer in der Innenstadt doch noch eine "Bodo"-Verkäuferin. Rosemarie K., gelernte Krankenschwester aus Werdau bei Zwickau, erzählt ihre Geschichte, eine Geschichte wie aus der Propaganda der SED-Parteipresse. Nach Dortmund kam Frau K., guten Mutes, und doch "keine Arbeit gekriegt und nichts". Seit Jahren schon verkauft die inzwischen 58-jährige Sächsin nun die Straßenzeitung, um sich ein paar Mark zu verdienen. Anfangs habe sie sich "so geschämt, das können Sie sich nicht vorstellen", sagt Frau K. zur PDS-Parteichefin, die selbst gebürtige Thüringerin ist. Zimmer wiederum ist stolz auf die Sächsin: "Ich finde das ganz toll, dass Sie den Mut haben, sich auf die Straße zu stellen."

Fünf Tage ist die PDS-Chefin in den alten Bundesländern unterwegs, von Nürnberg bis Flensburg. Vor allem ist es eine Tour zu den Armen und Entrechteten. Zimmer weiß, dass sie keine Frau der großen Worte ist. Ihr Mittagessen in Dortmund nimmt sie in der Schnitzel-Gaststätte "Zum Thüringer". Es sei ja "nicht verkehrt, sich zu informieren", sagt eine Frau am Nebentisch und trinkt weiter ihren Milchkaffee. Zimmer sagt: "Ich möchte keine plakativen Erfolgsreden." Und dass sie das Bad in der Menge "nicht unbedingt" brauche. Dann lästert sie noch ein wenig über Gerhard Schröder. Wie der 1999 im thüringischen Wahlkampf die Bratwurst aus der Serviette statt aus dem Brötchen gegessen habe! Und dann noch mit Ketchup! "Alles falsch gemacht, was er nur falsch machen kann", habe der Kanzler.

Besuch in Hagen, bei Betriebsrat und Geschäftsführung der Zwieback-Fabrik Brandt. Das Unternehmen, seit 1912 in Familienbesitz, hat entschieden, die Produktion nach Ohrdruf in Thüringen zu verlagern. 500 Arbeitsplätze in Hagen fallen weg, gefördert mit 30 Millionen Steuer-Mark entstehen in Ohrdruf 180 neue. "Eigentlich unglaublich", sagt Gabi Zimmer über die Geschichte, "ein Riesenproblem". Sie versichert den Beschäftigten in Westfalen, die seit acht Monaten um ihre Jobs kämpfen, ihre Solidarität und wünscht, dass eine Initiative Erfolg hat mit dem Plan, eine neue Backwarenproduktion am Standort Hagen aufzubauen. "Es geht uns als PDS nicht um den Osten als Sonderregion." Der Betriebsratsvorsitzende Bernd Bisterfeld ist mit Gabi gleich per Du. Er schenkt ihr eine selbst gebrannte CD. "Haut Thüringen vom Tisch", singen die Mitarbeiter darauf.

Beim Brandt-Geschäftsführer Wolfgang Schley argumentiert Zimmer, dass staatliche Wirtschaftsförderung strikt an die Schaffung von zukunftsfähigen Arbeitsplätzen gekoppelt werden sollte. Es sei nicht zu verstehen, dass der Standort Hagen "mit Brachialgewalt" gekippt werde. Ob ihn die PDS-Vorsitzende zum Nachdenken gebracht hat? Schley: "Ich führe im Handel so viele harte Gespräche, dass mich so etwas nicht aus der Bahn werfen kann. Egal aus welcher Partei, ich höre kaum vernünftige Vorschläge."

Der Tag endet in Düsseldorf, die neue PDS-Landesgeschäftsstelle wird mit einem Hoffest eingeweiht. Auf den Vorposten der Genossen im Westen wird mit Rotkäppchen-Sekt angestoßen. Zimmer sagt in ihrer Rede, sie kämpfe gegen ein Vorurteil: Die PDS, das seien "nicht die Chaoten". Vielleicht ist es bloß Zufall: Gleich läuft sie wieder einem Verkäufer einer Obdachlosenzeitung in die Arme. Michael, 39, stammt aus Ost-Berlin, und verkauft jetzt "Fifty Fifty". Er sammelt in seinem alten DDR-Personalausweis Autogramme von Prominenten. Gabi Zimmer unterschreibt irgendwo zwischen Wolfgang Thierse und Karl-Eduard von Schnitzler.

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