• Peer Steinbrück in der Kreativwirtschaft: Der Kanzlerkandidat steht Kopf – im Bällebad

Peer Steinbrück in der Kreativwirtschaft : Der Kanzlerkandidat steht Kopf – im Bällebad

Auf Tour in Berlin lernt Peer Steinbrück Kultur und Kreativwirtschaft kennen.

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Seine Risikobereitschaft hat Peer Steinbrück auch nach sechs Monaten als Kanzlerkandidat der SPD nicht verloren. Deshalb liegt der 66-Jährige nun auf einer Bühne auf dem Rücken in einem „Bällebad“ aus Plexiglaskugeln und lauscht der Laienschauspielerin Monika, die ihm ein englisches Lied vorsingt und ihn dann ausfragt. Die Bilder des seltsamen Paares werden von einer Videokamera aufgezeichnet und kopfüber auf einen Plastikvorhang projiziert. Auf die Frage der 19-jährigen Schauspielerin nach seinem Lieblingslied nennt der Kandidat wie aus der Pistole geschossen Lou Reeds „Take a walk on the wild side“.

Als „Walk on the wild side“ – als eine eher härtere Übung und eben kein leichter Spaziergang – ließe sich auch Steinbrücks erstes halbes Jahr als Merkel-Herausforderer bezeichnen, in dem er Fehler machte und in Umfragen Vertrauen verlor. Doch das hält den SPD-Politiker bei seiner eintägigen „Länderreise“ am Mittwoch in Berlin nicht davon ab, im Deutschen Theater der Aufforderung zu folgen und auf der Bühne mitzumachen. Das Stück trägt den Titel „2035 oder Mit 40 eröffne ich ein Hotel auf dem Mond“ und handelt von den Zukunftswünschen der jungen Laienschauspieler.

Der Besuch in der Hauptstadt ist die sechste Länderreise des Kandidaten, mit der er sich in den Regionen bekannt machen will. Die Programmplaner haben Steinbrück an diesem Tag weder in unterfinanzierte Berliner Schulen geschickt noch lassen sie ihn mit Neuköllns Bezirksbürgermeister Heinz Buschkowsky über Integrationsprobleme debattieren. Stattdessen lernt der Kandidat eher die Schokoladenseite der Hauptstadt kennen: In der „Factory“, einem Gründerzentrum für Start-ups der Kreativ-Branche in Mitte, debattiert er mit den jungen Unternehmern, nach dem Theaterbesuch geht es zur Universal Music Group und dann zum Industriekomplex Pfuelstraße, wo er an einer Livesendung des Radiosenders FluxFM mitwirkt. Am Abend steht er im Tempodrom einem SPD-affinen Publikum zwei Stunden lang Rede und Antwort. Der Kampf um bezahlbaren Wohnraums ist sein stärkstes Thema, es wird viel gelacht und sehr viel geklatscht.

Der Kandidat zeigt kein Interesse, über die Schwächen der Hauptstadt zu reden, im Gegenteil. Die Begeisterung der jungen Kreativen für Berlin, von denen viele aus dem Ausland kommen, hat ihn angesteckt. Jedenfalls plädiert er entschieden dafür, das schlechte Image Berlins als Nehmer im Länderfinanzausgleich und Miteigner des Pannenflughafens BER aufzupolieren. „Berlin ist die Hauptstadt der Gründer“, schwärmt er und verweist auf das überdurchschnittliche Wirtschaftswachstum, auf 35 000 neue, sozialversicherungspflichtige Jobs im letzten Jahr, auf den ausgeglichenen Haushalt. „Das ist die Seite von Berlin, von der ich glaube, dass sie doch zu kurz kommt“, meint der Kandidat und macht ausdrücklich nicht den Senat für das Image Berlins verantwortlich. Der bemühe sich doch sehr um die Kreativwirtschaft, sagt er.

Auch über Berlins SPD-Chef Jan Stöß will Steinbrück vor der Presse an diesem Tag nichts Böses sagen, obwohl der entgegen der offiziellen SPD-Linie eine rot- grüne Minderheitsregierung propagiert hatte für den Fall, dass die beiden Parteien keine Mehrheit haben. Eine Duldung durch die Linkspartei sei „mit unkalkulierbaren Risiken verbunden“, bekräftigt der Kandidat seine Position, vermeidet aber die Konfrontation mit dem Landesvorsitzenden vom linken Parteiflügel: „Das ist seine Auffassung, die darf er haben.“

Zu Anfang des Tages, bei den jungen Kreativen, hat der Kandidat für ein anderes Bewusstsein geworben. In Deutschland sei man „sehr schnell abgestempelt als Verlierer“, meinte er, eine neue Mentalität sei nötig nach dem Motto: „Man kann aus dem Scheitern lernen und braucht eine zweite Chance.“ Ob die Deutschen zu diesem Mentalitätswechsel schon bereit sind, wird Steinbrück spätestens im September erfahren. Hans Monath

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