Peinlicher Weltrekord : Belgien seit neun Monaten ohne Regierung

Seit den Parlamentswahlen im Sommer des vergangenen Jahres können sich Flamen und Wallonen nicht auf eine Staatsführung einigen. Das zeigt, dass die Idee vom mehrsprachigen, aber einheitlichen Land ein Mythos ist.

Knut Krohn[Brüssel]
Protest. In Brüssel forderten Demonstranten die Politiker auf, endlich eine Regierung zu bilden.
Protest. In Brüssel forderten Demonstranten die Politiker auf, endlich eine Regierung zu bilden.Foto: picture alliance / dpa

Auf den ersten Blick ist alles wunderbar in Belgien. Die Straßen sind gefegt, der Müll wird abgeholt, die Ämter in den Städten sind geöffnet, kein Chaos, nichts. Ist die belgische Krise ein Phantom? Sicher nicht: Seit den Parlamentswahlen am 13. Juni vergangenen Jahres hat das Land keine Regierung mehr und inzwischen einen fragwürdigen Weltrekord gebrochen. Den hielt bisher der vom Krieg zerstörte Irak, wo die heillos zerstrittenen Parteien 249 Tage brauchten, um sich im Parlament von Bagdad zusammenzuraufen. Es ist nicht abzusehen, wann der abgewählte Regierungschef Yves Leterme, der nur noch geschäftsmäßig im Amt ist, seinen Schreibtisch räumen kann. König Albert II. hat Vermittler um Vermittler eingesetzt, doch keiner hat es geschafft, die Streithähne aus Flandern und der Wallonie zum Kompromiss zu bewegen.

„Es ist ein seltsamer Zustand, aber wir ertragen es mit großer Gelassenheit“, sagt Stephan Thomas und lehnt sich entspannt in seinem Sessel zurück. Er ist Generalsekretär im Parlament der Deutschsprachigen Gemeinschaft und hat mit der Krise nur mittelbar zu tun. Denn im Clinch liegen die beiden großen Volksgruppen, die sechs Millionen Niederländisch sprechenden Flamen im Norden des Landes und die 3,4 Millionen frankophonen Wallonen im Süden. Im Osten wohnen jene 70 000 Menschen, die Deutsch als Muttersprache angeben.

Wenn Thomas versucht, die verfahrene Situation zu erklären, verfällt er ins Dozieren, gerade so, als beschreibe er die diplomatische Fehde zwischen zwei fernen Ländern. Die deutsche Minderheit hat immer versucht, sich aus den Auseinandersetzungen zwischen Flamen und Wallonen herauszuhalten. „Damit sind wir gut gefahren“, sagt Thomas. „Wenn die beiden Großen mehr Rechte für die eigene Sprachgruppe erstritten haben, wurde dem Kleinen das Gleiche zugestanden.“

Dieses über Jahrzehnte genau austarierte Gleichgewicht ist ins Wanken geraten. Zum ersten Mal seit der Verfassungsgebung Belgiens im Jahr 1831 liegen die Standpunkte zwischen Flamen und Wallonen so weit auseinander, dass keine Verständigung möglich scheint. „Es gibt kein nationales Projekt, das alle Menschen eint“, sagt Christian Schmitz. Er ist Redakteur bei der deutschsprachigen Tageszeitung „Grenz-Echo“ in Eupen. Seit 1962, als die sprachliche Teilung des Landes besiegelt worden ist, würden die großen Teile Belgiens auseinanderdriften. „Es gibt keine landesübergreifenden Parteien mehr, und die politischen Kräfte in Flandern und Wallonien betreiben nur Klientelpolitik“, sagt Schmitz. Die Vorstellung vom dreisprachigen, aber einheitlichen Belgien sei ein Mythos, der perfekt ins zusammenwachsende Europa gepasst habe. „Die Wahrheit ist, dass zwischen den drei Sprachgruppen abgrundtiefe Gräben durch das Land laufen.“

Gestritten wird um Macht, Einfluss und natürlich Geld. Der frankophone Teil des Landes hängt nach dem Niedergang der Schwerindustrie am Tropf des reicheren Flandern. Zündstoff birgt, dass die Flamen, die sich als „die Fleißigen“ bezeichnen, in Zukunft weniger Geld an die Wallonen überweisen wollen. Konkret geht es etwa um die Sozialversicherung, die national geregelt ist und in Zukunft getrennt abgerechnet werden soll.

Der Geldfluss vom Norden in den Süden war von den Flamen in der Vergangenheit murrend zur Kenntnis genommen worden, doch wagte keiner, daran zu rühren. Nun ist der Ton rauer geworden, was vor allem mit dem Namen Bart de Wever zusammenhängt. Der Führer der Nationalisten gewann die Wahl in Flandern im vorigen Jahr mit markigen Parolen, er fordert eine Teilung Belgiens. Sein Gegenpart auf Seiten der Wallonen ist der Sozialdemokrat Elio Di Rupo, der den Status quo erhalten möchte. „Diese Männer sind politisch und persönlich so verschieden“, sagt Schmitz, „die können sich nicht einigen.“

Allerdings ist auch beim einfachen Volk das Verständnis für die Nachbarn wenig ausgeprägt. „Was wollen die Flamen?“, fragt Julie, eine Studentin in Namur, der Verwaltungshauptstadt der Wallonie. Sie spricht französisch und trägt billige chinesische Kopien französischer Designerklamotten. Auch der Name der Kneipe, wo sie sich abends mit ihren Kommilitonen trifft, scheint Programm: Café de Paris. Nicht einer der jungen Leute spricht Niederländisch. „Wozu auch?“, fragt Julie, „keiner von uns will dorthin.“ In ihrem Mund klingt das Wort Flandern wie Feindesland.

Leuven liegt nur rund 60 Kilometer entfernt, ein Katzensprung, doch passiert man auf dieser Strecke die Sprachengrenze. Die Stadt Leuven/Louvain/Löwen ist nicht nur berühmt für ihr Rathaus im gotischen Stil, sondern auch für eine der ältesten Universitäten Europas. Dort tobte Ende der 60er Jahre der Sprachenstreit besonders hart. Die niederländischsprachigen Studenten fühlten sich von ihren Französisch sprechenden Kommilitonen zunehmend aus der Hochschule gedrängt. Es kam zu Krawallen, schließlich musste die Universität geteilt werden. Inzwischen gibt es die niederländischsprachige Katholieke Universiteit Leuven und die französischsprachige Université catholique de Louvain, die ihren Sitz einige Kilometer entfernt im neu gegründeten Ort Louvain-la-Neuve hat, im wallonischen Landesteil.

Auch heute noch sieht sich Leuven als eine Art Frontstaat im Sprachenstreit. „Die Wallonen lassen sich von uns durchfüttern“, ereifert sich die Besitzerin eines Restaurants am Alten Markt von Leuven. „Dann weigern sie sich auch noch, unsere Sprache zu lernen.“ Spricht’s und legt die Speisekarte auf den Tisch. Die ist auf Niederländisch, Englisch und Deutsch – Französisch fehlt.

Natürlich sind nicht alle Belgier Separatisten. Inzwischen formieren sich Gruppen, die die Politiker auffordern, endlich eine Regierung zu bilden. Doch scheinen alle der Meinung zu sein, dass die Situation nur mit Mitteln der Komik gelöst werden kann. Da wird im Internet aufgerufen nach Brüssel zu fahren und die Hosen herunterzulassen, andere wollen Gratisfritten verteilen. Und der Regisseur Benoît Poelvoorde forderte die belgischen Männer auf, sich nicht mehr zu rasieren, solange das Land keine Regierung hat.

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