Politik : Peking gibt Todesschüsse zu

Wie viele Bauern bei den Auseinandersetzungen mit der Polizei in Südchina starben, bleibt unklar

Harald Maass[Peking]

Fast eine Woche nach den Unruhen in Südchina hat Chinas Regierung am Wochenende die Todesschüsse auf die unbewaffneten Bauern eingeräumt. Bei dem blutigen Zusammenstoß zwischen demonstrierenden Bauern und der Polizei in dem Dorf Dongzhoukeng (Provinz Guangdong) seien am Dienstag voriger Woche drei Dorfbewohner erschossen worden, meldete die staatliche Nachrichtenagentur Xinhua. Acht weitere seien verletzt worden. Der Beamte, der den Schießbefehl gegeben hatte, wurde Medienberichten zufolge festgenommen.

Der Xinhua-Bericht war die erste offizielle Reaktion auf die brutale Polizeiaktion, bei der Berichten von Dorfbewohnern zufolge bis zu 20 Menschen ums Leben gekommen sind. Sollten sich diese Zahlen bewahrheiten, wäre dies der brutalste Polizeieinsatz in China seit dem Tiananmen-Massaker 1989. Damals hatte Chinas Militär mehrere Hundert oder gar Tausende unbewaffnete Demonstranten auf dem Platz des Himmlischen Friedens in Peking erschossen.

Spezialeinheiten der Polizei riegelten am Wochenende Dongzhoukeng und die umliegenden Dörfer nahe der Stadt Shanwei ab. Die Dorfbewohner fürchteten weitere Festnahmen und Strafaktionen durch die Behörden, berichtete die Hongkonger Zeitung „South China Morning Post“ unter Berufung auf Anwohner.

Xinhua machte einige „wenige Unruhestifter“ für die Eskalation der Gewalt verantwortlich. Diese hätten die Dorfbewohner gegen ein örtliches Windkraftwerk aufgestachelt. Am Montag vergangener Woche hätten die Bauern erstmals vor dem Windkraftwerk demonstriert und dabei die Produktion für mehrere Stunden lahm gelegt. Die Dorfbewohner waren nach eigenen Angaben aufgebracht, weil sie beim Bau des Kraftwerkes zu wenig Entschädigung für ihr Land erhalten hatten.

Bei einem zweiten Protest am Dienstag seien die Bauern „mit Messern, Stahlspeeren, Stöcken, Dynamit-Pulver, mit Benzin gefüllten Flaschen und Sprengsätzen“ angerückt und hätten die Polizisten mit einem Blockadering umzingelt, um zwei festgenommene Dorfbewohner zu befreien, berichtete die Nachrichtenagentur weiter. Bei Anbruch der Dunkelheit hätten die Bauern MolotowCocktails geworfen. „Die Polizei war gezwungen, in dem Alarm das Feuer zu eröffnen“, heißt es in dem Bericht. Es sei nun eine Ermittlungskommission eingesetzt, meldete Xinhua weiter.

Dorfbewohner hatten zuvor in Telefoninterviews einen anderen Hergang geschildert: Demnach hatten die Polizisten das Feuer auf die unbewaffneten Bauern eröffnet, um deren Demonstration aufzulösen. Die „Guangzhou-Tageszeitung“ bezeichnete die Todesschüsse als einen „Fehler“ und berichtete, dass der verantwortliche Beamte festgenommen worden sei. „Die Kommandeure vor Ort haben den Vorfall nicht angemessen behandelt“, schrieb das Blatt. Es machte aber keine näheren Angaben zur Identität des Funktionärs.

Die Todesfälle in Dongzhoukeng sind ein Zeichen für die zunehmend gewalttätigen Unruhen in Chinas Provinzen. Ausgelöst durch Landstreitigkeiten, Umweltprobleme und ethnische Konflikte, kam es in den vergangenen Monaten immer wieder zu gewaltsamen Zusammenstößen zwischen der Landbevölkerung und Polizeieinheiten. Nach Angaben der Pekinger Regierung kam es im vergangenen Jahr zu 70 000 Demonstrationen und Protesten in der Volksrepublik. Oft gab es dabei Verletzte, bisher jedoch keine Toten.

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