Politik : Pendeln zwischen getrennten Räumen - Die UN vermittelt zwischen Griechen und Türken

Gerd Höhler

Nach zwei Jahren Funkstille beginnen am kommenden Freitag in New York "Annäherungsgespräche" zwischen den beiden Volksgruppen, Griechen und Türken, auf Zypern. Eine Wiedervereinigung der geteilten Insel ist aber nicht in Sicht.

Eigentlich wollte Rauf Denktasch, Chef der türkischen Volksgruppe auf Zypern, gar nicht nach New York fliegen. Denn die Einladungen, die UN-Generalsekretär Kofi Annan vor drei Wochen an die politischen Führer auf der geteilten Mittelmeerinsel verschickte, waren nicht nach dem Geschmack des Inseltürken. Während dessen Gegenspieler, der Grieche Glafkos Klerides, als Staatschef der völkerrechtlich anerkannten Republik Zypern nach New York eingeladen wurde, sollte sich der türkische Volksgruppenführer mit der Anrede "Mr. Denktasch" begnügen. Doch er ist nach eigenem Anspruch "Präsident" der 1983 von ihm einseitig ausgerufenen "Türkischen Republik Nordzypern" (KKTC), die allerdings nur von der Türkei völkerrechtlich anerkannt wird. Denktasch setzte durch, dass die Einladungen neu geschrieben wurden. Nun firmieren beide Kontrahenten scheinbar gleichberechtigt als "Exzellenzen". Zufrieden bestieg Denktasch das Flugzeug nach New York.

Unmittelbar vor seinem Abflug hatte Denktasch seine Teilnahme in New York freilich erneut in Frage gestellt. Falls die Europäische Union einen Zeitplan für den Beitritt Zyperns vorlege, werde er die Gespräche abbrechen, drohte Denktasch am Mittwoch. Die EU müsse begreifen, dass nicht ganz Zypern, sondern nur die griechischen Zyprer den Beitritt beantragt hätten. Auf dem EU-Gipfel in Helsinki am 10. und 11. Dezember geht es neben dem von Zypern angestrebten Beitritt auch um den Beitrittswunsch der Türkei, der offizieller Kandidatenstatus eingeräumt werden soll.

Der Streit lässt ahnen, wie schwierig sich die "Annäherungsgespräche" in New York gestalten werden. In die Verlegenheit, Klerides die Hand schütteln zu müssen, wird Denktasch kaum kommen. Vielmehr wollen UN-Generalsekretär Annan und seine Diplomaten zwischen den in getrennten Räumlichkeiten ausharrenden Kontrahenten hin und her pendeln, um, so die offizielle Ankündigung, "die Grundlagen sinnvoller Verhandlungen über eine umfassende Lösung der Zypernfrage vorzubereiten".

Doch diese Lösung liegt in weiter Ferne. Und sicher ist: eine Wiedervereinigung im echten Sinne des Wortes wird es nicht geben. Zypern ist geteilt, seit türkische Truppen im Sommer 1974 den Norden der Insel besetzten. Mit der vom damaligen und heutigen türkischen Premier Bülent Ecevit befohlenen Invasion reagierte Ankara auf den Versuch der seinerzeit in Athen regierenden Obristen-Junta, das zu 80 Prozent von Griechen besiedelte Zypern zu annektieren und die türkische Minderheit, 18 Prozent der Bevölkerung, zu vertreiben. Seither verläuft quer durch Zypern eine 180 Kilometer lange Demarkationslinie, gespickt mit Panzersperren und Stacheldraht, Minenfeldern und Wachttürmen.

Zur Diskussion steht nun eine neue Verfassungsordnung. Nach den Vorstellungen der Griechen soll das künftige Zypern ein Bundesstaat sein, dessen beide Kantone, die griechische und die türkische Zone, bestimmte Selbstverwaltungsrechte haben. Die türkischen Zyprer dagegen, vertreten durch Denktasch, fordern eine lockere Konföderation zweier im Grunde unabhängiger Staaten. Strittig sind bisher auch eine Reihe wichtiger Grundsatzfragen: Welche Kompetenzen soll die künftige Zentralregierung haben, welches Maß an Autonomie Inselgriechen und Zyperntürken? Wird es Freizügigkeit für die beiden Volksgruppen im jeweils anderen Teil der Insel geben? Können die 1974 von den türkischen Invasionstruppen aus dem Norden vertriebenen 180 000 Inselgriechen ihre Besitztümer zurückfordern?

Offene Fragen. Dass die am Freitag beginnenden Annäherungsgespräche schnell Lösungen produzieren, ist nicht zu erwarten. Denktasch und die türkische Regierung in Ankara werden zunächst abwarten wollen, ob die Türkei beim EU-Gipfel in Helsinki die Weihen eines Beitrittskandidaten erhält. Doch selbst dann will der Zyperntürke Denktasch nicht in direkte Verhandlungen mit den Inselgriechen eintreten. Mit ihnen will er erst reden, wenn die zuvor seine "Türkische Republik Nordzypern" anerkennen. Damit hätte er sein Ziel, die Inselteilung festzuschreiben, erreicht.

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