Politik : Perestroika in Grün

Der frühere sowjetische Staatschef Michail Gorbatschow glaubt mit dem Umweltschutz das Thema seines Lebens gefunden haben

Franz Alt

Der Mann war nach seinem Machtverlust vor elf Jahren umtriebig: Er hat Möbelhäuser eingeweiht, Fernsehspots gedreht und für die Deutsche Bahn geworben. Doch in der Zwischenzeit hat sich vieles geändert. Michail Gorbatschow, der wohl größte Weltveränderer nach 1945, sagt heute: „Mit dem Umweltschutz habe ich das Thema meines Lebens gefunden.“ Sein neues Credo: „Die Welt in ihrem heutigen Zustand ist nicht nachhaltig. Sechs Milliarden Menschen wollen so leben wie die Amerikaner, aber bevor wir dieses Ziel erreichen, kollabiert der Planet. Wir brauchen einen grundlegenden Wandel.“ Und dann kokettiert der ehemalige Staatschef: „Ökologie und Umweltschutz sind zu wichtig, um sie den Politikern zu überlassen.“ Im Westen ist unbekannt, dass Gorbatschow zu seiner Regierungszeit 1300 Betriebe geschlossen hat – aus ökologischen Gründen. „Es gibt Wichtigeres als Arbeitsplätze“, sagt er heute: „Eine saubere Umwelt, unsere Lebensgrundlagen."

Kein Politiker hat in den vergangenen 20 Jahren so sehr die Welt verändert wie Gorbatschow. Heute lautet seine Analyse: „Wir führen einen Krieg gegen die Natur und damit gegen uns selbst. Diesen Krieg müssen wir beenden." Meistern wir die ökologische Krise nicht, meint Gorbatschow, dann erübrigen sich alle weiteren Anstrengungen. Viele deutsche Politiker sind pikiert, und mancher Unternehmenschef schaut verlegen, wenn Gorbatschow als Präsident des von ihm gegründeten „Grünen Kreuzes“ beklagt, dass die Industriestaaten über ihren unverantwortlichen Ressourcenverbrauch die Umwelt ausbeuten. Und so fordert Gorbatschow, der vor wenigen Tagen in Ludwigsburg den „Euronatur-Preis 2003“ erhielt, einen internationalen ökologischen Gerichtshof. „Umweltverbrecher müssen weltweit bestraft werden so wie Kriegsverbrecher.“

„Die USA sind in vielerlei Hinsicht eine Weltmacht, aber nicht in moralischer Hinsicht“, sagt er. Den Krieg im Irak hält er für ein Verbrechen und die Umweltpolitik von George W. Bush für eine Katastrophe. In seinem neuen Buch „Mein Manifest für die Erde“ (Campus Verlag, 155 Seiten, 17,90 Euro) begrüßt Gorbatschow, dass Slobodan Milosevic vor dem Internationalen Gerichtshof angeklagt wird – aber genauso deutlich stellt er die Frage: Warum werden nicht auch die angeklagt, die Serbien bombardiert haben: Also der amerikanische und der französische Präsident, der englische Premier und der deutsche Kanzler?

Auf die Frage, welche historischen Vorbilder das 21. Jahrhundert gebrauchen könnte, antwortet er: „Jesus und Karl Marx. Das wäre doch eine gute Mischung. Beide kämpften überzeugend für soziale Gerechtigkeit.“ Der Terrorismus könne nicht militärisch überwunden werden, sondern nur mit mehr Gerechtigkeit. Und deshalb laufe die Globalisierung in eine falsche Richtung, sie habe noch mehr Ungerechtigkeit zur Folge. In seinem neuen Buch bekennt er: „Tschernobyl hat mein Leben verändert.“ Aber warum setzen auch 17 Jahre nach Tschernobyl sein Nachfolger Wladimir Putin, aber auch die Regierungen in Frankreich oder Washington noch immer auf Atomkraft? „Meine Antwort wird Sie überraschen. Russland braucht noch über viele Jahrzehnte Atomenergie. Ich denke, noch mindestens 50 bis 60 Jahre. Wir müssen allerdings die Schutz- und Sicherheitsmaßnahmen in unseren Atomkraftwerken erhöhen. Und dabei brauchen wir die Hilfe des Westens. Alternative Energien sind noch viel zu teuer."

In einer Erdcharta, die in Gorbatschows neuem Buch abgedruckt ist, steht die Forderung: „Schäden vermeiden, bevor sie entstehen, ist die beste Umweltschutzpolitik." Das erfordert freilich eine völlig neue Energiepolitik. Statt sich mit seinen 71 Jahren in seiner Datscha auszuruhen, reist Gorbatschow rastlos für seine großen Themen um die Welt. „Wenn Sie die Wahl Ihres Lebens getroffen haben, dann finden sich auch die Zeit und die Kräfte und die Mitstreiter, um die neuen Ideen durchzusetzen", sagt er. Michail Gorbatschow hat jetzt eine sozialdemokratische Partei in Russland gegründet und nennt sich selbst einen Grünen.

Der Fernsehjournalist Franz Alt, lange Jahre Leiter des politischen Magazins „Report“, ist Moderator des 3sat-Magazins „Grenzenlos“.

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