Personalbedarf : Ärzte diagnostizieren Ärztemangel

In ihrem Kampf um höhere Honorare und bessere Arbeitsbedingungen haben die Mediziner oft ein Argumentationsproblem: Sie warnen vor drohendem Ärztemangel, müssen aber gleichzeitig eingestehen, dass es in Deutschland noch nie so viele Mediziner gab.

Rainer Woratschka

BerlinDer Widerspruch ist gar keiner, behauptet nun die Bundesärztekammer und legt zum Beweis eine Analyse vor. Ergebnis: Mit den Arztzahlen ist auch der Bedarf gestiegen, und er wird immer weniger gedeckt.

„Wir bewegen uns auf eine Wartelisten-Medizin zu“, behauptet Ärztekammervize Frank Ulrich Montgomery. Zwar habe sich die Zahl der Ärzte zwischen 1991 und 2008 kontinuierlich und insgesamt um mehr als 30 Prozent erhöht; 2008 stieg sie erneut um 1,5 Prozent auf 319 697. In vielen Klinikabteilungen blieben dennoch 20 bis 50 Prozent der Stellen unbesetzt, und Kassenpatienten kämen auch in den Praxen immer schwerer an Termine und ärztliche Versorgung.

Das vermeintliche Paradoxon lasse sich durch vier Entwicklungen erklären, sagt Montgomery: den medizinischen Fortschritt, den demografischen Wandel, die „Feminisierung der Medizin“ und den allgemeinen Trend zur Arbeitszeitverkürzung. So führe die „Expansion des Möglichen“ in der Medizin zu einem deutlich höheren Personalbedarf. Vormals unbekannte Eingriffe, Untersuchungen und Therapiemethoden hätten das Leistungsvolumen erhöht, gleichzeitig würden Patienten wegen Krankheiten behandelt, die sie früher gar nicht erlebt hätten.

In nur zehn Jahren habe sich die Zahl der Arzt-Patienten-Kontakte pro Fall um zehn bis 20 Prozent erhöht, rechnet Montgomery vor. Zudem kämen immer mehr ältere Menschen in die Praxen. Der Anteil über 60-Jähriger sei seit 1991 von 20,4 auf 25,3 Prozent gestiegen, der Finanzbedarf für diese Gruppe liege 3,26 Mal höher als der für unter 60-Jährige.

Dieser Zwang zur Mehrarbeit treffe aber mit zwei Entwicklungen zusammen, die das zur Verfügung gestellte Arbeitsvolumen deutlich schmälerten. Zum einen sei der allgemeine Trend zur Arbeitszeitverkürzung natürlich auch bei den Ärzten angekommen. Zum anderen werde die Medizin weiblich. Seit 1991 stieg der Frauenanteil unter den Medizinern von 33,6 auf 41,5 Prozent. Frauen jedoch entscheiden sich im Vergleich zu Männern für deutlich geringere Arbeitszeiten. Die Folge dieses Missverhältnisses laut Montgomery: „Verdichtung von Arbeit, Überlastung von Mitarbeitern und Demotivation“. Die Rahmenbedingungen müssten dringend attraktiver gestaltet werden, fordert der Ärztekammervize, und dazu gehöre auch eine bessere Bezahlung.

Das Gesundheitsministerium und die gesetzlichen Kassen weisen die Forderung nach mehr Geld zurück. In einer derartigen Krise dauernd nach noch mehr Geld zu rufen, sei „schon ein starkes Stück“, sagt eine Ministeriumssprecherin. In Deutschland fehle es nicht an Ärzten, heißt es beim GKV-Spitzenverband, sie seien teilweise nur schlecht verteilt. Dafür seien aber die Institutionen der Ärzteschaft verantwortlich.

Der für die Geldverteilung zuständige Bewertungsausschuss einigte sich unterdessen auf Änderungen bei der umstrittenen Honorarreform. So sollen Psychiater mehr für Gesprächs- und Betreuungsleistungen abrechnen können. Auch für Versorgungszentren und Gemeinschaftspraxen steigen die Durchschnittspauschalen. Insgesamt fließt aber nicht mehr Geld.

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