Politik : Peru: Herrscher über leere Kassen

Jan-Uwe Ronneburger

Der künftige peruanische Präsident Alejandro Toledo wandte sich im Augenblick des Sieges mit einem Schwur an sein Volk. "Brüder, ich werde Euch nicht betrügen", sagte der 55-jährige in den USA ausgebildete Wirtschaftswissenschaftler vor zehntausenden Anhängern am Sonntagin Lima. Genau das aber befürchten viele der 26 Millionen weitgehend verarmten Peruaner nach den Erfahrungen mit Amtsvorgänger Alberto Fujimori. Die Ausplünderung des Staates durch den japanischstämmigen Politiker und seine Gefolgsleute hatten selbst für lateinamerikanische Verhältnisse infame Ausmaße angenommen.

Toledo, der in der Stichwahl auf 51 Prozent der Stimmen kam, gab sich angesichts der enormen Herausforderung kämpferisch. "Die Erwartungen sind dramatisch, aber sie werden mir nicht den Schlaf rauben", sagte der strahlende Wahlsieger. Mit vielfältigen Wahlversprechen hatte er die Latte selbst noch höher gelegt.

Große Ziele hat sich der aus ärmsten Verhältnissen stammende Toledo schon früh gesetzt. Als kleiner Junge trug er als Schuhputzer zum Unterhalt seiner Familie bei und schaffte es dennoch, durch gute Schulleistungen und ein bisschen Glück ein Stipendium für ein Studium in den USA zu ergattern.

Die neoliberale Wirtschaftspolitik Fujimoris hat weite Teile der Industrie vernichtet. Auch die Landwirtschaft liegt danieder. Die Auslandsschulden stiegen auf 21,3 Milliarden Dollar und 70 Prozent aller Erwerbsfähigen sind gering beschäftigt.

Sogar den staatlich subventionierten Suppenküchen gehen die Kunden abhanden, weil viele sich nicht einmal mehr ein Mittagessen für umgerechnet 60 Pfennig leisten können. Das Geld ist so knapp, dass die Preise mangels Kaufkraft sinken. Pfandleihhäuser zahlen pro Gramm hinterlegten Feingoldes lumpige 16 Mark Kredit aus und berechnen dafür 14 Prozent Zinsen - pro Monat.

Zugleich hat die Privatisierungspolitik des inzwischen nach Japan geflohenen Fujimori zu teilweise weit überhöhten Tarifen wie etwa im Telefonbereich geführt. Zentrale Institutionen des Staates wie die Justiz, das Parlament, die Polizei und auch die Presse sind korrumpiert und weitgehend unglaubwürdig. Angesichts der Aufgabe, Staat und Wirtschaft bei leeren Kassen erneuern zu müssen, rief Toledo zu einer gemeinsamen Anstrengung aller politischen Kräfte auf.

Sein mit 48 Prozent nur knapp unterlegener Herausforderer, der frühere Präsident Alan Garcia, kündigte eine "verlässliche Zusammenarbeit" bei der Überwindung der Krise an. Nach Ansicht des anerkannten Soziologen Julio Cotler stünde sogar die staatliche Existenz Perus auf dem Spiel, wenn die Wiederherstellung eines glaubwürdigen und effizienten Gemeinwesens scheitern sollte. Wenn die Politiker keine Einigkeit in grundlegenden Fragen herstellen könnten, "sind wir in sechs Monaten untergegangen".

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