Politik : Peru: Nur die Kandidatin hat eine blütenweiße Weste

Anne Grüttner

In Peru herrscht vor den Wahlen für das Präsidentenamt und die 120 Kongressmitglieder am heutigen Sonntag noch völlige Ungewissheit über den Ausgang. 20 bis 25 Prozent der etwa 14 Millionen Wähler gelten noch als unentschlossen. Den letzten Umfragen zufolge ist es sehr wahrscheinlich, dass keiner der Kandidaten mehr als 50 Prozent der Stimmen erreichen wird. In diesem Fall käme es 30 Tage später zu einer Stichwahl zwischen den beiden stärksten Kandidaten.

Lag Alejandro Toledo, der schon im vergangenen Jahr als Herausforderer von Ex-Präsident Fujimori angetreten war, vor wenigen Wochen noch eindeutig in Führung, so deutet sich heute ein Kopf-an-Kopf-Rennen zwischen drei Kandidaten an. Der Harvard-Absolvent und "Cholo" (Indio) Toledo von der linksgerichteten Partei "Perú Posible" führt gemäß Umfragen derzeit noch immer mit 37 Prozent der Stimmen. Doch das Ansehen des "großen Kämpfer für die Demokratie in Peru", wie der peruanische Schriftsteller Mario Vargas Llosa den Kandidaten Toledo vor wenigen Tagen pries, litt laut den Demoskopen stark unter Beschuldigungen, welche die peruanische Zeitschrift "Caretas" gegen den Politiker erhob: Toledo war eines Tages im November 1999 aus seinem Haus verschwunden und wurde später mit Kokain vollgepumpt wieder aufgefunden. Kreditkartenbelege und Zeugenaussagen beweisen, dass sich der Präsidentschaftskandidat in der Zwischenzeit mit drei nicht identifizierten Damen in verschiedenen Hotels vergnügt habe, so berichtete das Blatt. Toledo selbst behauptet dagegen, er sei im Auftrag von Fujimoris "Berater" und Ex-Geheimdienstchef Vladimiro Montesinos unter Drogen gesetzt worden, um ihn zu diskreditieren.

Toledos größte Konkurrenz ist gemäß Umfragen die Ex-Abgeordnete Lourdes Flores mit 23,9 Prozent der Stimmen. Flores führt die "Unidad Nacional" an, eine breite Allianz aus der konservativen Christdemokratischen Partei PPC und der Zentraldemokratischen Union (UCD). Sollte sie die Wahl für sich entscheiden können, würde zum ersten Mal in der Geschichte Perus eine Frau das höchste Staatsamt antreten. Die 41-jährige Politikerin aus einem vornehmen Villenvorort, die im Gegensatz zur Demagogie ihrer männlichen Konkurrenten einen einfachen und klaren Stil pflegt, findet ihre Anhänger vor allem in der gehobenen Stadtbevölkerung. Doch die tiefgläubige Flores hat noch einen weiteren Pluspunkt: Sie hat bisher eine blütenreine Weste.

An dritter Stelle unter den Kandidaten befindet sich Ex-Präsident Alan Garcia von der "Alianza Popular Revolucionario Americana" (Apra), für den sich derzeit 17,2 Prozent der Wähler entscheiden würden. Mit Staunen registrieren Beobachter den schnellen Aufstieg des eloquenten Apristen in der Volksgunst. Denn Garcia hatte das Andenland 1990 mit einer Hyperinflation von 600 Prozent und terrorisiert von der Extremistengruppe "Leuchtender Pfad" hinterlassen. Die letzten zehn Jahre verbrachte er im kolumbianischen Exil und kehrte erst vor kurzem zum Auftakt des Präsidentschaftswahlkampfes zurück, nachdem das Oberste Gericht Perus Vorwürfe wegen illegaler Bereicherung gegen ihn fallen gelassen hatte. Der "Hypnotiseur der Massen", wie die Zeitungen den populistischen Ex-Präsidenten nennen, zeigt sich geläutert: Er habe aus seinen Fehlern gelernt.

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