Politik : Peter Gauweiler liest in Berlin aus Ludwig Thomas "Heiliger Nacht"

Christoph Amend

Ein Heiliger war Peter Gauweiler nie. Jetzt aber sitzt der Mann, vor dem sich einst die halbe Republik fürchtete, im weihnachtlichen Halbdunkel, als hätte er nie etwas anderes getan. Vor ihm das andächtig schweigende Publikum, neben ihm drei Kerzen und ein Adventskranz, und dann beginnt er zu lesen: die "Heilige Nacht".

Salon Königin Luise, erster Stock im Opernpalais, Unter den Linden. Der Münchner CSU-Bezirksvorsitzende Johannes Singhammer und der Radiosender 100,6 haben eingeladen zu ihrem ersten "Münchner Advent" in Berlin. Peter Gauweiler, bekanntester bayerischer Politiker ohne Amt, liest die bayerische Übersetzung der Weihnachtsgeschichte, geschrieben vom Heimatdichter Ludwig Thoma. Man könnte auch sagen: Vier Monate nach dem Regierungsumzug setzt die Münchner Politik an, die Hauptstadt zu erobern. Die Bavarisierung Berlins. Man weiß: Es gibt kaum einen Redner, der so furchtbar gerne die Herzen fremder Menschen erobert wie Peter Gauweiler.

Als Peter Gauweiler, 50, am Nachmittag den leeren Saal für eine Stimmprobe betritt, muss er sich an seine Zeit in der Politik erinnert fühlen. Eben noch herrschte Ruhe, Mitarbeiter des Hauses decken die Tische, stellen Kerzen und Kranz auf den Tisch. Dann: Auftritt Gauweiler! Plötzlich Hektik, "Herr Doktor Gauweiler!" hier, "Jawohl, Herr Doktor Gauweiler!" da. Herr Doktor Gauweiler dirigiert: "Das Licht muss später aus sein!" Fast scheint es, als sei der Mann noch mittendrin im Geschäft der Mächtigen.

Dabei ist Peter Gauweiler auf ganzer Linie ein Ex. Ex-Umweltminister, Ex-Staatssekretär, Ex-Oberbürgermeister-Kandidat. Spätestens seitdem er vor einem Jahr sein letztes Parteiamt, den Vorsitz der Münchner CSU, aufgab, ist er außen vor. Rausgedrängt haben sie ihn, kaltgestellt, sein Lieblingsfeind Edmund Stoiber hat sich durchgesetzt beim Kampf um die Macht in der CSU. Auch weil Gauweiler sich nie wirklich vom Image des "Schwarzen Peters" befreien konnte.

Deshalb ist doch einiges anders als früher. "Früher", begrüßt er einen, "hätte dieses Gespräch vermutlich nicht stattgefunden. Sie hätten 15 schriftliche Fragen einreichen können, Sie hätten 15 schriftliche Antworten bekommen." Sagt es und nimmt sich dann eine gute Stunde Zeit. Da sitzt er in der Ecke des Saals, fläzt sich in den Sessel. Und obwohl er sagt, er habe zwölf Kilogramm abgenommen, seitdem er nicht mehr dabei ist, wirken seine Gesichtszüge weicher als auf alten Fotos. Sein Schnauzbart ist vollständig ergraut. Wenn er nickt, sieht man, wie wenig Haare auf seinem Kopf übriggeblieben sind. Er betont, er sei froh, kein Berufspolitiker mehr zu sein: "Das macht nur unglücklich auf Dauer, wie eigentlich alle Beispiele zeigen." Wie beurteilt denn einer, der als Zögling von Franz-Josef Strauß galt, den Umgang der CDU-Führung mit ihrem Ehrenvorsitzenden? Da sieht er gleich die CSU und ihren Patriarchen angegriffen: "Auf Strauß lasse ich nichts kommen", sagt er und macht deutlich, dass er von den Aufarbeitungsplänen der CDU nichts hält. Vom "Spiegel"-Chefredakteur Stefan Aust sei er einmal auf die Frage Strauß angesprochen worden und habe gekontert: Aust habe doch seinem Förderer Rudolf Augstein auch viel zu verdanken - wie Aust wohl mit Augstein umgehe, wenn der mal nicht mehr die Fäden in der Hand halte?

Journalisten: Gauweiler hat sie gehasst früher, auch mal verklagt, sie waren der Feind, er fühlte sich verfolgt. Die vielen Interviews sind ihm "als Verhöre in Erinnerung. Die kamen zu zweit, bauten ihre Gerätschaften auf, es war wie beim Staatsanwalt!" Da tut einer im Nachhinein naiver als er ist: Gauweiler war der Scharfschütze, er liebte die Rolle als Rechtsaußen der Republik, ließ als Staatssekretär im Innenministerium Polizisten in Wackersdorf einmarschieren. Heute sieht er die Journalisten anders: "Ich verstehe, dass das ihr Job ist, dass es dazu gehört zum Spiel." Dieses Verständnis hat wohl auch mit Gauweilers neuer Rolle zu tun: Er hat die Seiten gewechselt, führt Interviews für "Welt am Sonntag", schreibt Kolumnen für "Bild". Und liest bayerische Verse in Berlin.

Im Gespräch und auch später auf der Bühne ist er amüsant, setzt Pointen an der richtigen Stelle und liest die Dialoge aus der "Heiligen Nacht" mit verstellten Stimmen. Mal spricht er wie eine keifende Alte; den "Josef" gibt er leidend und ganz tief. Man sieht, wie er nichts mehr genießt als den Rollenwechsel - das Publikum erst überraschen, dann für sich gewinnen. Wie früher, als er Wahlkampfreden hielt, ganze Säle auf seine Seite zog. Und gibt es eine größere Herausforderung als im "gottlosen Berlin", wie Mit-Gastgeber und 100,6-Geschäftsführer Gafron sagt, die christliche "Heilige Nacht" vorzutragen?

Es ist wie daheim. Der Salon "Königin Luise" strahlt im bayerischen Glanz. Die Gäste werden mit einem herzlichen "Grüß Gott" begrüßt. Von links nach rechts, von Günter Schabowski, einen Tag vor seinem Haftantritt, bis zum CSU-Landesgruppenchef Michael Glos. Auf der Bühne dann: Gauweiler in Höchstform, ihn begleitend "Marianne und Heidi, die Oberndirndln vom Chiemsee und ihr Thomas an der Zither", mit Zwirbelbart. Die Lesung zaubert ein Lächeln auf die Gesichter. Gauweiler zeigt mit selbstbewusst vorgetragener Selbstironie: Mir san mir! Ab sofort auch in Berlin.

Vor der Lesung hat er noch erklärt, er fühle sich wohl, nicht mehr im Mittelpunkt zu stehen. Und hinzugefügt: "Glauben Sie mir kein Wort." Dann will er für einen Moment den Saal verlassen, vorbei an der vielleicht 22-Jährigen, die über die Gästeliste wacht. Ein Brummeln von Peter Gauweiler zeugt von den Schattenseiten seines neuen Lebens. Denn die junge Dame tippt ihm auf die Schulter und sagt: "Entschuldigung, aber wenn Sie wieder rein wollen, brauche ich Ihre Einladung: Wie ist denn bitte schön Ihr Name?"

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