Politik : Peter Struck: Der SPD-Fraktionschef kämpft mit der Basis

Thomas Kröter

Vor dem Gesicht von Peter Struck hängt eine Nebelschwade aus schmutzig weißem Pfeifen-Qualm. Daher sieht man nicht, ob der kantige SPD-Fraktionschef womöglich rot wird, als er im historischen Rathaus von Landsberg am Lech als "zweitwichtigster Mann im Lande" angesprochen wird. Unvernebelt tritt dagegen bei fast jeder Station seiner sommerlichen Missionstour durch die sozialdemokratische Diaspora zutage: Der Versuch, das Ansehen des nach seiner und seiner Gesprächspartner wichtigsten Mannes - Bundeskanzler Gerhard Schröder - auch im tiefen Süden der Republik zu mehren, steht vor allem ein dritter Mann im Wege: Walter Riester. Kaum eine Station auf der 4000 Kilometer langen Strecke durch Bayern, auf der nicht dessen Rentenreform heftige Kritik erführe.

Sicher, in den undenkbar-sauberen, von Wohlstand geprägten Flecken, wird Struck mit erstaunlicher Regelmäßigkeit mit einem weiteren Problem konfrontiert. Die Genossen wollen Straßen. Autobahnauffahrten, Umgehungsstraßen für ihre wunderschönen Orte, die sie in den vergangenen Jahrzehnten von den schwarzen Regierungen, ob in München oder Bonn, nicht bezahlt bekommen haben.

Aber dagegen versteht Struck zu argumentieren: Für gleiche Lebensverhältnisse habe der Bund dem Grundgesetz nach zu sorgen, sagt er. Und er berichtet, dass er auch schon in Hoyerswerda in Sachsen gewesen sei. Dort betrage die Arbeitslosigkeit nicht wie in den schönen bayerischen Orten gut drei Prozent, sondern liegt um die 50 Prozent.

Der Hinweis stimmt die staugestressten Wohlstandsgenossen nicht eben freundlich, aber es fällt ihnen wenig ein, wie sie gegen den Appell an die sozialdemokratische Traditionstugend der Solidarität argumentieren sollten. Wenn es um die Rente und ihre Reform geht, läuft ihnen dagegen schier der Mund über. Denn eben diese Traditionstugend ist es, die sie tief in ihrem sozialdemokratischen Herzen (gleich neben dem Geldbeutel) durch die Bemühungen des ehemaligen Gewerkschafters verletzt sehen.

Wie schon in Parteivorstand und Bundestagsfraktion ist es neben der befürchteten Senkung des Rentenniveaus vor allem die neue Zusatzversorgung, die den Sozialdemokraten sauer aufstößt. Dass sie nicht wie in der Sozialversicherung seit Bismarcks Zeiten paritätisch von Arbeitgebern und Arbeitnehmern, sondern von letzteren allein aufgebracht werden soll - darin sehen die Genossen ein Grundprinzip des Sozialstaats verletzt, und dies ausgerechnet von einem Genossen, der aus der Gewerkschaftsbewegung stammt.

Da hat der Fraktionschef die Klippe der fehlenden Ortsumgehungen erfolgreich umschifft, hat für seine 19-punktige Erfolgsliste der rot-grünen Koalition verhaltenen, aber immerhin, Beifall erhalten, und hier mutiert Pater Peter, der sozialdemokratische Missionar, zum Rudi Ratlos.

70 Prozent der Deutschen hätten schon eine zusätzliche Altersversorgung, wird Struck nicht müde zu argumentieren, und die trage auch kein Arbeitgeber mit. Da sei es doch ... aber diese Variante des bewehrten Gerechtigkeitsargumentes verfängt nicht. Die Genossen wittern die schlimmste Untugend der alten Arbeiterbewegung: Verrat.

Die stehen auf der Seite von IG-Metall-Chef Klaus Zwickel, dessen Freundschaft mit seinem einstigen Stellvertreter Walter Riester einem tiefen persönlichen Zerwürfnis gewichen ist. In seiner Not scheut sich Struck sogar nicht, das Tabu dieser persönlichen Tragödie anzusprechen. "Verbittert, wirbt er um Verständnis, sei auch Riester, der sich von seinen einstigen Kollegen zutiefst missverstanden, sprich auch: verraten fühle. Aber auch das versichert er, sei klar: eine sozialdemokratisch geführte Bundesregierung werde keine Rentenreform verabschieden, für die Gewerkschafter auf die Straße gingen.

Bleibt nur die Frage, wie es gelingen soll, ohne dass des Arbeitsministers Konzept noch einmal grundlegend geändert werden müsste und dieser dadurch düpiert würde? In den Veranstaltungen seiner bayerischen Sommertour weiß Peter Struck keinen öffentlichen Rat. Im Gespräch abseits der Versammlungen zieht er ein ums andere Mal nachdenklich an seiner Pfeife. Überlegen will er, nachfragen, prüfen lassen. Was dabei herauskommen soll, um das Dilemma zu lösen, bleibt nicht weniger nebulös als der Kopf des Pfeifenrauchers in den Abgasen seines geliebten Knasters.

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