Pflege : Illegale Hilfe

Putzen, kochen, bügeln, Augentropfen verabreichen, von sieben Uhr morgens bis kurz vor Mitternacht: Rund 100.000 Osteuropäerinnen arbeiten in deutschen Haushalten – häufig unerlaubt als Pflegekraft.

Katja Reimann,Karin Schädler
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Betreuung rundum. Für viele Familien ist eine Haushaltshilfe aus Osteuropa die einzige Alternative zum Pflegeheim. Foto: p-a/dpa

Lydia B. hat einen langen Arbeitstag. Die 43-jährige Polin steht der 87-jährigen Uta K. fast rund um die Uhr zur Verfügung. Als Haushaltshilfe – und als Pflegekraft. Die alte Dame kann ohne ihre Hilfe nur wenig allein erledigen. Knapp 800 Euro verdient Lydia im Monat, sie arbeitet schwarz. Und sie ist kein Einzelfall.

Laut einer Studie, die im Auftrag des Caritasverbandes (DCV) vom Deutschen Institut für angewandte Pflegeforschung (dip) in Köln durchgeführt wurde, sind immer mehr Familien in Deutschland auf eine Haushaltshilfe aus Mittel- und Osteuropa angewiesen. Rund 100 000 solcher Arbeitskräfte seien nach Schätzungen derzeit im Land beschäftigt, sagte der Präsident des Verbandes, Peter Neher. Nur die wenigsten von ihnen arbeiten legal. Ein Grund dafür sei, dass sich viele Familien eine Betreuung rund um die Uhr durch sozialversicherte deutsche Pflegekräfte nicht leisten könnten, sagte Neher. Eine osteuropäische Haushaltshilfe, die schwarzarbeitet, verdiene im Durchschnitt rund 1200 Euro. Einem deutschen Pflegeprofi hingegen müsse man für vergleichbare Leistungen rund 5000 Euro zahlen. Für die Untersuchung, die nach Angaben des Instituts die erste empirische Studie über osteuropäische Hilfen in deutschen Haushalten ist, wurden im vorigen Jahr 154 Familien und 261 Pflegedienste befragt. Außerdem interviewten die Forscher Vermittlungsagenturen für Haushaltshilfen sowie Experten von Sozial- und Berufsverbänden.

Demnach sind in Deutschland etwa 2,2 Millionen Menschen hilfebedürftig, rund 1,5 Millionen von ihnen würden zuhause versorgt. Potenziell, so sagte Studienleiter Michael Isfort, würden etwa 145 000 Haushalte von Haushaltshilfen profitieren. Für die meisten der befragten Familien war die Anstellung einer solchen Kraft die einzige Alternative zu einer vollstationären Versorgung. Auch 66 Prozent der befragten ambulanten Pflegedienste gaben an, dass ihre Klienten zusätzlich eine Haushaltshilfe beschäftigten. Am häufigsten, so die Ergebnisse der Studie, übernehmen die Hilfen tägliche Haushaltsarbeit, gehen einkaufen oder erledigen Behördengänge. In den meisten Familien gehört auch das Zubereiten von Mahlzeiten zur Arbeit sowie das Waschen oder Baden der pflegebedürftigen Personen.

Problematisch dabei sei, dass sich oftmals die hauswirtschaftliche Versorgung nur schwer von der pflegerischen Versorgung trennen lasse, sagte Bernd Tews, Geschäftsführer des Bundesverbands privater Anbieter sozialer Dienste (bpa) dem Tagesspiegel. Rein rechtlich darf aber eine Haushaltshilfe zum Beispiel keine Medikamente verabreichen, eine Pflegekraft hingegen schon. Neher betonte, die derzeit geltende Aufteilung in Leistungen der gesetzlichen Krankenversicherung und Leistungen der Sozialpflegeversicherung entspreche nicht dem Bedarf in den Familien. Er forderte, die Kooperation zwischen ambulanten Pflegediensten und Haushaltshilfen künftig zu intensivieren; die in der Studie befragten Pflegedienste gaben mehrheitlich an, die Haushaltshilfen nicht als Konkurrenz zu betrachten. Dafür müsse allerdings die rechtliche Situation der Hilfen geklärt werden.

Noch ist die Arbeitnehmerfreizügigkeit für Bürger aus osteuropäischen EU-Beitrittsstaaten eingeschränkt. Wer Helfer aus solchen Ländern legal beschäftigen will, kann dies bislang nur über die Bundesagentur für Arbeit tun. Offiziell dürfen die Hilfskräfte aber nur Tätigkeiten im Haushalt und keine Pflegeleistungen übernehmen – zu tarifvertraglichen Arbeitszeiten. Im Jahr 2008 wurden auf diesem Weg 3051 Haushaltshilfen zugelassen. Nach Angaben des dip sind zudem rund 70 Vermittlungsagenturen in Deutschland tätig.

Dass diese oft nachlässig mit Rechtsvorschriften umgehen, fanden Verbraucherschützer der Stiftung Warentest heraus. Sie prüften 17 Agenturen und stellten fest, dass es häufig Indizien für Verstöße gegen das Entsenderecht gebe, auf dessen Basis osteuropäische Pflegekräfte legal eingestellt werden können. Einen Weg aus der Grauzone, in der auch Lydia arbeitet, wird es so bald nicht geben.

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