Pflege in Deutschland : Zulasten der Frauen

Die Zahl der Pflegefälle steigt immer weiter. „Unsere Gesellschaft rast im Eiltempo in die Pflegefalle“, sagt einer, der es wissen muss.

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Jeder dritte Deutsche wird künftig in der Familie einen Pflegefall haben. Zehn Millionen Menschen geht es schon heute so, weitere 17 Millionen rechnen in den nächsten zehn Jahren damit. Das ergab eine Studie der R+V-Versicherung, die auf einer Umfrage des Allensbach Instituts basiert. „Unsere Gesellschaft rast im Eiltempo in die Pflegefalle“, sagt Tillmann Lukosch. Für das R+V-Vorstandsmitglied ist das Thema eine „tickende Zeitbombe“ – bei der Bevölkerung sei es noch nicht richtig angekommen.

Dabei sind bereits jetzt rund sechs Millionen Menschen in Deutschland aktiv in die Pflege eingebunden. Die Betreuung ist größtenteils Familiensache: 62 Prozent kümmern sich selbst um ihre Angehörigen, oft unter enormen Belastungen, mit wenig Hilfe und wachsenden Zukunftssorgen. Vor allem trifft das auf Frauen zu. Wie dringlich das Thema Pflege für sie ist, zeigte vor kurzem der Pflegereport der Barmer GEK Krankenkasse. Danach ist die pflegerische Versorgung für Frauen fast doppelt so teuer wie für Männer; Frauen leben länger und oft allein. „Gerade sie sind von Altersarmut und vom Pflegerisiko am stärksten betroffen“, sagt Lukosch.

Doch andererseits sind es auch überwiegend Frauen, die im Bedarfsfall die Pflegearbeit übernehmen und sich dadurch mehrheitlich stark psychisch belastet fühlen. Für viele von ihnen sind Beruf und Pflege nach eigenen Angaben sogar schwieriger zu vereinbaren als Beruf und Kind; die Mehrheit der Berufstätigen habe deshalb die Arbeitszeit reduziert oder flexibler gestaltet. Dabei sind die Pflegenden auf die Kooperation der Arbeitgeber angewiesen, 78 Prozent der Befragten setzen aber auch auf die Hilfe des Staates. Dass die Probleme von der Politik erkannt wurden, zeigten die geplanten Pflegezusatzversicherungen („Pflege-Bahr“), findet Lukosch. Allerdings könne vonseiten des Staates so nur ein Teil der Pflegebedürftigkeit abgedeckt werden.

Einigen geht das nicht weit genug. Eugen Brysch, Geschäftsführender Vorstand der Patientenschutzorganisation Deutsche Hospiz Stiftung, sagt: „Wären es Männer, die diese Lasten tragen müssten, hätte die Politik schon längst eine umfassende Lösung gefunden.“

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