Pflegekräfte : Alarmstufe: weiß!

Rationalisierung und Stellenabbau in Krankenhäusern führen nach Warnungen von Pflegeverbänden und Gewerkschaften geradewegs in den Notstand. Eine Regierungsinitiative soll nun Wege aus der Krise aufzeigen. Pflegekräfte sehen dem aber kritisch entgegen.

Basil Wegener[dpa]
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Wichtig, aber nicht anerkannt: Pflegekräfte werden immer noch unterbezahlt und in ihrem Aufgabenfeld unterschätzt. -Foto: ddp

BerlinAuch Altenpfleger haben oft viel zu wenig Zeit für Zuwendung und Hilfe. Angesichts steigenden Zukunftsbedarfs sollen jetzt die Weichen umgestellt werden. "Wenn die Pflege nicht stärker anerkannt wird, werden sich nur noch Menschen für eine Ausbildung in dem Bereich interessieren, die sonst nirgends unterkommen", warnt der Geschäftsführer des Deutschen Berufsverbands für Pflegeberufe, Franz Wagner. Eine aktuelle Regierungsinitiative sieht er skeptisch.

Überlastung in Altenheimen

In den Krankenhäusern gibt es erstmals seit Jahrzehnten bundesweit weniger als 300.000 Vollzeitstellen für Krankenschwestern und Pfleger. Allein im vergangenen Jahr wurden nach Schätzungen 4000 Stellen gestrichen. Die Folge: Viele Patienten werden nach Angaben des Deutschen Instituts für angewandte Pflegeforschung zu selten umgelagert, müssen etliche Minuten auf Schmerzmittel warten oder werden nach Operationen nicht gut überwacht. Angesichts gestiegener Arzthonorare und teils gravierender Strukturprobleme im Kliniksektor sparen viele Träger in der Pflege, um mit der pauschalen Bezahlung pro Behandlungsfall zurecht zu kommen. "Viele Krankenhäuser haben radikal abgebaut", heißt es in der Branche.

Auf Schwestern mit niedrigerer Qualifikation können Kliniken kaum ausweichen - anders als Einrichtungen der Altenpflege, wo der Mindestanteil an Fachkräften mit dreijähriger Ausbildung bei nur 50 Prozent liegt. Viel Arbeit wird von Hausfrauen mit mehrwöchigem Kurs oder angelernten Übersiedlern aus Osteuropa geleistet. Auch in den Heimen herrscht oft Überlastung. Jeder zehnte Heimbewohner wird nach offiziellen Prüfergebnissen unzureichend gepflegt. "Auch können die Pfleger Altersverwirrten bei der Nahrungsaufnahme oft nicht die nötige Zuwendung geben", sagt Wagner. Die Versuchung sei groß, Betroffene durch Magensonden zu ernähren, obwohl sie gefüttert werden könnten.

Mindestlohn und Zulagen

Und die Zahl der Pflegebedürftigen wird steigen. In Sachsen will man drohendem Nachwuchsmangel durch eine Umlage begegnen, die Pflegeinstitutionen für die Ausbildung zahlen. In Berlin dürfen Pflegeheime ab diesem Jahr statt einer gelernten Kraft drei Lehrlinge beschäftigen und diese auf den Personalschlüssel anrechnen.

Mit der Pflegereform will die Koalition an vielen Stellschrauben drehen und die Situation der Betroffenen verbessern. Eine durchgreifende Zukunftssicherung der Pflege - bemessen in barer Münze - vermissen Dutzende Kritiker aber unisono. Fachministerin Ulla Schmidt (SPD) will gemäß Koalitionsvereinbarung nun bis März weitere Vorschläge vorlegen für den "Dienst Mensch am Menschen" in Zukunft. "Es ist beschämend, mit wie viel Geld viele Pflegekräfte heute nach Hause gehen", sagt Schmidt. Steuerliche Erleichterungen sind etwa im Gespräch. Und ortsübliche Mindestlöhne. Auch angesichts der rund 100.000 illegalen, günstigen Pflegerinnen vor allem aus Osteuropa, ohne die es in vielen Familien nicht mehr ambulant weiterginge.

Unterschriften für Angela Merkel

Wagner hegt Zweifel: "Wegen der Blockaden innerhalb der Koalition mache ich mir da wenig Hoffnungen." Seit Wochen sammelt der Verband der Pflegeberufe gemeinsam mit der Gewerkschaft Verdi Unterschriften für mehr Personal, bessere Arbeitsbedingungen und angemessene Bezahlung. Mehr als 80.000 sind schon zusammen. Dieser Tage sollen die Unterschriften an Kanzlerin Angela Merkel (CDU) übergeben werden. "Wenn wir heute nicht Alarm schlagen, werden wir morgen in Deutschland keine qualitativ ausreichende Pflege mehr haben", heißt es bei Verdi.

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