Politik : Pflegekritiker ruft nach Staatsanwälten

Berlin - Der Münchner Pflegekritiker Claus Fussek hat das Justizministerium und die örtlichen Staatsanwaltschaften angesichts der Zustände in deutschen Pflegeheimen zum Eingreifen aufgefordert. Die im aktuellen Pflegequalitätsbericht der Krankenkassen beschriebenen Fakten erfüllten „den Straftatbestand der unterlassenen Hilfeleistung, der Freiheitsberaubung und der Körperverletzung“, sagte Fussek dem Tagesspiegel. „Würde Ähnliches aus deutschen Gefängnissen bekannt, müssten die verantwortlichen Politiker zurücktreten.“ Auch eine Positionierung von Bundespräsident Joachim Gauck sei notwendig.

Die Prüfung der Kassen hatte ergeben, dass in Deutschlands Pflegeheimen rund 140 000 Menschen mit Gittern im Bett gehalten oder an Rollstühle gegurtet werden – jeder zehnte ohne richterliche Genehmigung. Bis zu 40 Prozent der Pflegebedürftigen würden falsch versorgt. Viele erhielten nicht die nötige Arznei oder Hilfe beim Essen. Bei jedem zweiten Heimbewohner bestehe die Gefahr des Wundliegens, bei der Hälfte der Gefährdeten werde nicht darauf geachtet.

„Was Amnesty International als Folter bezeichnet, heißt bei uns Pflegenotstand“, sagte Fussek. Schon der chronische Personalmangel, mit dem man sich arrangiert habe, sei vorsätzliche Körperverletzung. Sensible Pflegekräfte zerbrächen daran, dass sie nicht so arbeiten könnten, wie sie es gelernt hätten und es menschlich geboten sei.

Mit Zuwendung und ein wenig Kreativität seien grausame Fixiergurte überflüssig, bessere Heime machten dies auch vor. Um das Herausfallen aus dem Bett zu vermeiden, ließen sich etwa die Schlafstätten absenken oder Matratzen auf den Boden legen. Und wie sich Wundliegen vermeiden lasse, wisse jeder professionell Pflegende. „Der Umgang mit den Menschen ist keine Frage des Geldes, sondern der ethischen Grundhaltung“, so Fussek. Die Prüfergebnisse seien „eine Bankrotterklärung für ein zivilisiertes Land“. raw

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