Politik : Pflichten der Familie

Die Regierung will die häusliche Pflege besser unterstützen. Doch gleichzeitig sollen mehr Frauen arbeiten gehen

Dagmar Dehmer

Wer alt ist und pflegebedürftig wird, wünscht sich vor allem eines: zu Hause bleiben zu können. Die SPD-Sozialpolitikerin Helga Kühn-Mengel findet deshalb die nun bekannt gewordenen Pläne von Sozialministerin Ulla Schmidt (SPD) zur Reform der Pflegeversicherung „grundsätzlich richtig“. Demnach sollen die Zuschüsse zu Heimplätzen gekürzt werden, um Angehörigen, die Pflegebedürftige zu Hause versorgen, „mit Sicherheit 100 Euro zusätzlich“ überweisen zu können, wie Schmidts Sprecher Klaus Vater sagte. Ziel der Regierung sei es von Anfang an gewesen, die ambulante Pflege zu Hause stärker zu fördern, sagte Kühn-Mengel dem Tagesspiegel. Abgesehen davon ist die Pflege zu Hause auch billiger für die Pflegeversicherung.

Die Familienforscherin Gisela Erler hat jedoch Zweifel daran, dass die Kosten tatsächlich bedeutend sinken. Denn wer Pflegebedürftige der Stufe III zu Hause versorgt, muss rund um die Uhr verfügbar sein und zum Beispiel zum Waschen der Betroffenen noch eine zweite Person zur Verfügung haben. „Das ist nur leistbar mit Hilfe von ambulanten Diensten, die es am Ende nicht viel billiger machen“, sagte sie dem Tagesspiegel.

Dabei hat auch Erler nichts gegen eine Stärkung der häuslichen Pflege einzuwenden. In den beiden ersten Stufen sei die Pflegeversicherung auch eine „bedeutende Entlastung“ gewesen, sagte sie. „Aber bei der Pflegestufe III finde ich das schon ganz schön hart.“ Auch Helga Kühn-Mengel betont, dass sich die Pflegeversicherung „im Prinzip bewährt hat“. Jetzt gehe es darum, die Pflegeversicherung finanziell zu stabilisieren. Außerdem weist Kühn-Mengel darauf hin, dass durch die Reform die Versorgung von verwirrten alten Menschen deutlich verbessert werde. Für die Betreuung dieser Menschen habe es bisher nur wenig Geld gegeben, aber gerade sie „bedarf großer Zuwendung“, sagt Kühn-Mengel. Das sieht auch Gisela Erler so. Bisher seien viele Demenzkranke erst gar nicht in eine Pflegestufe eingeordnet worden, weil sie sich eigentlich noch selbst waschen könnten, wenn sie noch wüssten, was sie tun.

Erler weist jedoch auf einen grundsätzlichen Zielkonflikt der Reform hin. Zwar seien viele Frauen, die Angehörige pflegen, selbst schon im Rentenalter. Andererseits wünscht sich der Wirtschaftsminister aus konjukturellen Gründen mehr Frauen im Beruf. Zum anderen werde über eine Verlängerung der Lebensarbeitszeit diskutiert, und Frauen sollen, um ihre Rentenversicherung aufzufüllen, arbeiten gehen. Dem hält der SPD-Bundestagsabgeordnete Peter Dreßen entgegen, dass für pflegende Angehörige auch Sozialversicherungsbeiträge bezahlt würden. Erler weist jedoch zudem auf die Kampagne des Familienministeriums hin, die einen besseren Ausgleich zwischen Familienpflichten und Erwerbsarbeit zum Ziel hat. Da passe die Forderung, anstelle von Erwerbsarbeit lieber Angehörige zu pflegen, womöglich gleich nach der Erziehung der Kinder, nicht recht dazu, wendet die Familienforscherin ein.

Aus Sicht Erlers erzeugt die angekündigte Reform der Pflegeversicherung gleichzeitig neue Probleme. „Ganz allein sind die Leute sehr überfordert“, sagte Erler. Deshalb plädiert sie für „intelligente Kombilösungen“, die es den Pflegenden auch ermöglichen, zumindest halbtags noch zu arbeiten. Schließlich werden viele Pflegerinnen über der Betreuung ihrer Angehörigen selbst depressiv, wie der amerikanische Psychiater Richard Schulz erst kürzlich in einer Studie herausgefunden hat. Erler empfiehlt deshalb, sich bei den Nachbarn im Norden umzusehen. Schweden habe rechtzeitig den Rollenwechsel der Frauen erkannt: „Und die Schweden haben ihre Omas schließlich auch nicht ausgesetzt.“

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